Kirche ist in der Wilstermarsch weit mehr als ein Ort für den Sonntagsgottesdienst. Sie ist Treffpunkt für Kinder und Jugendliche, Heimat der Pfadfinderinnen und Pfadfinder, Ort für Seniorenkreise, Chöre und ehrenamtliches Engagement. Hier entstehen Freundschaften. Hier übernehmen Menschen Verantwortung füreinander. Hier wird gefeiert, getrauert, diskutiert und geglaubt. Für viele Dörfer ist die Kirchengemeinde ein wichtiger Teil des gemeinschaftlichen Lebens.
Genau dieses vielfältige Gemeindeleben steht vor großen Herausforderungen.
Die evangelischen Kirchengemeinden Beidenfleth, Wewelsfleth, Wilster, St. Margarethen und Brokdorf beschäftigen sich deshalb gemeinsam mit dem Ev.-Luth. Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf mit der Frage, wie Kirche unter veränderten Bedingungen auch künftig nah bei den Menschen bleiben kann. Eine Steuerungsgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern aller fünf Kirchengemeinden entwickelt Vorschläge für die zukünftige Zusammenarbeit und prüft die Neugründung einer gemeinsamen Kirchengemeinde. Die endgültigen Entscheidungen treffen die Kirchengemeinderäte – nachdem in allen Gemeinden Gemeindeversammlungen stattgefunden haben.
Weitere Informationen gibt es unter: www.kk-rm.de/kirche-vor-ort/zukunft-kirche
Warum Veränderungen notwendig sind
„Wir stehen vor Veränderungen, die wir uns nicht ausgesucht haben“, sagt Propst Steffen Paar. „Die Zahl der Kirchenmitglieder geht zurück. Dadurch verändern sich auch unsere finanziellen Möglichkeiten. Gleichzeitig entscheiden sich weniger Menschen für den Pfarrberuf und viele Pastorinnen und Pastoren erreichen das Ruhestandsalter. Das betrifft nicht nur die Wilstermarsch, sondern viele Regionen.“
Für Propst Paar ist das eine Zäsur.
„Ich möchte diese Entwicklung nicht kleinreden. Über viele Jahrzehnte haben Haupt- und Ehrenamtliche mit großem Engagement Kirche vor Ort gestaltet. Dieses Engagement verdient höchsten Respekt. Gleichzeitig müssen wir anerkennen: Auch dieser große Einsatz hat den Mitgliederschwund nicht aufhalten können. Diese Realität verlangt von uns, heute Verantwortung für die Kirche von morgen zu übernehmen.“
Was sich in Beidenfleth und Wewelsfleth verändert
Wie sich diese Entwicklung ganz konkret auswirkt, zeigt sich derzeit in Beidenfleth und Wewelsfleth. Mit dem Ruhestand von Pastor Jens Siebmann zum 1. Oktober endet dort eine lange und prägende Zeit. Aufgrund der gesunkenen Mitgliederzahl ist diese Pfarrstelle im Pfarrsprengel als halbe Pfarrstelle aktuell zum wiederholten Mal ausgeschrieben. Die Bewerbungsfrist endet am 16. August. Gleichzeitig laufen bereits die Vorbereitungen für eine mögliche Vakanz.
Für die Menschen vor Ort soll das kirchliche Leben dennoch verlässlich weitergehen. Gottesdienste werden in den vier kleineren Kirchorten monatlich gefeiert, in Wilster wöchentlich. An besonderen Feiertagen wie Weihnachten und Totensonntag finden überall Gottesdienste statt.
Arnd Lempelius, seit April 2025 Pastor in der Wilstermarsch, begleitet künftig die Kirchengemeinderäte in Beidenfleth und Wewelsfleth. Außerdem ist er dort sowie in St. Margarethen und Brokdorf feste Ansprechperson für Seelsorge sowie Taufen, Trauungen und Beerdigungen.
Die Konfirmandenarbeit wird ebenfalls fortgeführt: Pastor Lempelius begleitet die Jugendlichen in St. Margarethen und Brokdorf. Andrea Niefert, Jugendmitarbeiterin am Standort Wilster, die Teamerinnen und Teamer sowie Pastor Ingo Pohl gestalten die Konfirmandenzeit für Wilster, Beidenfleth und Wewelsfleth. Angesichts sinkender Anmeldezahlen und der großen Fläche soll im kommenden Jahr geprüft werden, wie ein gemeinsames Modell entwickelt werden kann, das lokale und zentrale Angebote sinnvoll verbindet.
Auch die Begleitung Ehrenamtlicher und weitere Gemeindeveranstaltungen werden derzeit neu organisiert. Die Pfadfinderarbeit läuft unabhängig von der Pfarrstellensituation in allen Kirchengemeinden weiter.
Verantwortung übernehmen – auch im Ehrenamt
Auch für die Ehrenamtlichen bedeutet der Veränderungsprozess, Vertrautes loszulassen und gleichzeitig Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Maren Krey, Vorsitzende des Kirchengemeinderats in Beidenfleth und Mitglied der Steuerungsgruppe, erlebt diese Spannung ganz persönlich.
„Mein Verstand sagt Ja, aber mein Herz sagt ganz doll Nein“, beschreibt sie ihre Gefühle. „Natürlich wünsche ich mir, dass vieles so bleiben könnte, wie es ist. Aber ich weiß auch, dass wir gemeinsam nach Lösungen suchen müssen. Mir ist wichtig, dass unsere Kirche vor Ort geöffnet bleibt, regelmäßig Gottesdienste gefeiert werden und die Menschen weiterhin einen festen Ansprechpartner haben.“
Gleichzeitig beobachtet Krey eine Entwicklung, die vielen Kirchengemeinden zu schaffen macht: Es wird immer schwieriger, Menschen für ehrenamtliche Verantwortung zu gewinnen. „Wenn wir unsere Kirche für die Zukunft erhalten wollen, müssen wir uns zusammentun. Allein schaffen wir das nicht mehr.“
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, kirchliches Leben aus den Dörfern abzuziehen oder einzelne Orte aus dem Blick zu verlieren.
„Jede Kirchengemeinde bringt ihre eigene Geschichte, ihre Menschen und ihre Stärken mit“, sagt Pastor Arnd Lempelius. „Unser Ziel ist nicht, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Wir suchen nach Lösungen, die der ganzen Region gerecht werden und gleichzeitig das kirchliche Leben vor Ort erhalten.“
Sorgen ernst nehmen – gemeinsam Lösungen finden
Der Veränderungsprozess löst in der Wilstermarsch unterschiedliche Reaktionen aus. Viele Menschen bringen ihre Ideen ein und engagieren sich aktiv. Gleichzeitig gibt es Sorgen. Manche befürchten, dass Kirche durch größere Strukturen an Nähe verliert. Andere fragen sich, ob frei werdende Pfarrstellen künftig überhaupt noch besetzt werden können. Viele wünschen sich, dass Seelsorge, persönliche Begleitung und die Nähe zu den Menschen auch in Zukunft im Mittelpunkt kirchlicher Arbeit stehen. Auch die Größe einer möglichen gemeinsamen Kirchengemeinde wird kritisch diskutiert.
„Diese Sorgen nehme ich sehr ernst“, sagt Propst Steffen Paar. „Sie zeigen, wie wichtig den Menschen ihre Kirche ist. Gerade deshalb wünsche ich mir, dass wir miteinander sprechen. Und da sind wir als Institution noch nicht immer gut drin. Kritik gehört zu einem solchen Prozess dazu. Meine Tür steht offen. Wer Fragen, Sorgen oder Kritik hat, soll sie direkt ansprechen. Nur im Gespräch können wir Vertrauen schaffen und gemeinsam gute Lösungen entwickeln.“
Der Kirchenkreis setzt deshalb bewusst auf Transparenz und Beteiligung. Vertreterinnen und Vertreter aller fünf Kirchengemeinden arbeiten in der Steuerungsgruppe mit und tragen die Ergebnisse in ihre Kirchengemeinderäte weiter. Propst Paar hat den Kirchengemeinden zudem angeboten, Gemeindeversammlungen zu begleiten und dort Rede und Antwort zu stehen.
Gemeinsam Kirche vor Ort gestalten
Der Weg ist damit noch nicht abgeschlossen. Viele Fragen werden in den kommenden Monaten gemeinsam beantwortet werden. Klar ist jedoch schon heute: Die Verantwortlichen wollen den Wandel nicht verwalten, sondern gemeinsam mit den Kirchengemeinden gestalten.
„Kirche lebt nicht zuerst von ihren Strukturen“, sagt Paar. „Sie lebt von den Menschen, die ihren Glauben teilen, füreinander Verantwortung übernehmen und Gemeinschaft gestalten. Wenn wir heute Veränderungen anstoßen, dann nicht um der Veränderung willen. Wir tun es, damit Kirche auch künftig ein Teil des Lebens in unseren Dörfern bleibt.“

