Klartext zur Kirchenstruktur – 7 Fragen, die jetzt gestellt werden müssen!
Redaktion: Propst Stadtand, Propst Paar, heißt es 2026 “groß, größer, besser”? Sind fusionierte Gemeinden die Lösung?
Stadtland: Ein klares Jein. Ich persönlich mag kleine Systeme, in denen man sich begegnet – du, ich, wir mit Gott. Aber Kirchengemeinden werden geradezu erdrückt von Aufgaben, die sehr viel Kraft binden. Da kann es eine Entlastung sein, Verwaltungsaufgaben zu bündeln. Kleine Gemeinde können sich auch nur kleine Personalstellen leisten. Für Mitarbeitende wird die Kleinteiligkeit daher irgendwann zur Zumutung. Fusionen können Energie freisetzen für das, was vor Ort wirklich zählt: Beziehungsarbeit.
Paar: Man sollte sich doch fragen: Wenn Fusionen die Antwort sind – was war eigentlich die Frage? Lautet die Frage: Wie bleiben wir in Krisenzeiten handlungsfähig? Dann finde ich es gut, dass wir aufeinander zugehen statt uns einzuigeln. Viele Kirchengemeinderäte merken gerade, dass sie es allein nicht mehr schaffen. Ich bevorzuge allerdings das Wort "Neugründung", weil dahinter ein Aufbruch steht, also dass mit dem, was da ist im Miteinander etwas Neues entsteht.
Stadtland: Meine Frage wäre, wie schaffen wir es, wenn wir 2060 nur noch knapp die Hälfte der Mitglieder und zirka ein Viertel der heutigen Kraftkraft haben, wie uns die Freiburger Studie vor Augen geführt hat? Darauf müssen wir unsere Kirche vorbereiten.
Die Lernreise nach Ostafrika spräche aber für kleinere Strukturen, mehr und kleinere Gemeinden vor Ort.
Paar: Für mich ist da gar kein Widerspruch. Die Kirche in Kenia steht in einem anderen Lebensabschnitt, sie ist viel jünger. Und die Frage, was Kirche ist, beantworten die Leute hier und dort gleich. Was sie kräftig und lebendig macht, ist das Bewusstsein der Menschen “Ich bin Kirche”. Fusionen lösen nicht die Frage nach gelingender Mission. Denn die Leute müssen sich ja nicht mit der Kirche als Institution identifizieren, sondern mit Gott. Fusionenbzw. Neugründungen bieten uns aber die Möglichkeit uns freizuschwimmen.
Stadtland: Die Kirche in Kenia ist hierarchischer, dadurch sind strukturelle Fragen einfacher. Unsere Selbstorganisation schafft viele Institutionen und Ebenen. Das ist gut, schafft aber auch einen enormen Abstimmungsbedarf. Wir müssen jetzt schauen, wie wir diesen sinnvoll reduzieren und trotzdem demokratisch bleiben.
Sind Pfarrsprengel das Modell der Zukunft? Oder nur ein Kompromiss?
Paar: In der Wilstermarsch, wo schon Anfang der Zwanzigerjahre ein Pfarrsprengel gegründet wurde, haben wir die meiste Erfahrung im Kirchenkreis. Alle anderen sind recht neu. Grundsätzlich werden besonders pastorale Tätigkeiten mit dem Pfarrsprengel größer gedacht, aber an diesem Punkt des Miteinanders bleibt man oft stehen. Die Gemeindearbeit hängt dann doch bildlich gesprochen an jedem einzelnen Kirchturmund verzahnt sich nicht. Ein Gefühl von “Wir sind eins” kann der Pfarrsprengel nur schwer bewerkstelligen.
Stadtland: In Elbmarschen-Süd ist der Pfarrsprengel erstmal ein Segen. Dort wären drei Gemeinden (Kollmar-Neuendorf, Herzhorn und Süderau) sonst gar nicht versorgt, da sie keinen Pastor oder Pastorin haben. Wir wollen vermeiden, dass es Gewinner- und Verlierergemeinden gibt, je nachdem, ob es Pastor oder Pastorin vor Ort gibt. Dort überlegen die Beteiligten nun, ob sie über den Pfarrsprengel zur Fusion kommen. Das entscheidet sich vermutlich im Frühjahr. Gut ist, dass der Pfarrsprengel eine Dynamik des Miteinanders und der Strukturveränderungen auslösen kann. Andererseits liegt der Fokus hier auf dem Pfarramt. Wenn die Entwicklung vom Pfarrsprengel zur Fusion läuft, besteht die Gefahr, dass die Aufgaben des Pfarramts gegenüber den Mitarbeitenden zu stark betont wird.
Paar: Zumindest kommen wir erstmal in Bewegung. Die Leute auf der Straße spüren weder den Pfarrsprengel, noch die Fusion, sondern die Beziehungen vor Ort.
Stadtland: In Elmshorn haben die Verantwortlichen gleich umfassender in Richtung Fusion gedacht. Da konnte unheimlich viel bewegt werden. Andererseits haben die beiden frisch fusionierten Gemeinden (St. Nikolai und Friedenskirchengemeinde) die dritte (Emmausgemeinde) auf dem Weg erstmal abgehängt.
Was kommt aus Kiel? Wo kann uns die Nordkirche helfen?
Stadtland: Die Nordkirche, genauer gesagt die Landessynode, hilft, in dem die Möglichkeit der Erprobungsräume geschaffen werden sollen. Es ist auch geplant, die Möglichkeit zur „Gesamtgemeinde“ zu schaffen. So könnte in Zukunft eine Gemeinde entstehen, in der die kirchlichen Orte ihre Identität und auch ihren Namen erhalten können. Das ist vor Ort wichtig. Und das finde ich richtig gut.
In der Landessynode stelle ich schon eine Aufbruchstimmung fest. Sie, beziehungsweise wir - ich bin auch Landessynodaler -, versuchen an vielen Stellen den Bürokratieabbau weiter zu bringen. Es sind gegenwärtig zwei Trends zu beobachten. Manche wollen mehr Top-Down-Strukturen, um Strukturen mit Standards einfacher zu halten und gut vermitteln zu können. Die Landeskirche wäre stärker vereint. Andere propagieren mehr Freiheit für die Basis. Das schafft Entwicklungsspielräume, aber mit der Gefahr der Uneinheitlichkeit. Unser Kirchenkreis gehört zurzeit eher zur zweiten Gruppe. Das Landeskirchenamt will ich in die Aufbruchstimmung übrigens mit einschließen. Die Verantwortlichen dort suchen gute Lösungen. Man schimpft ja gern auf „die in Kiel“, aber wir sollten uns nicht gegeneinander ausspielen.
Paar: Wenn Erprobungsräume mehr Freiheit, Flexibilität und Vertrauen schaffen, finde ich das gut. Aber es gibt auch Menschen in unseren Systemen, die nicht gut handeln. An dieser Stelle würde ich mir wünschen, dass aufgestellte Regeln auch stärker kontrolliert werden und auf Nichteinhaltung Konsequenzen folgen. Eine motivierte Kirchenleitung und Landessynode geben mir als Itzehoer Propst Rückenwind.
Wenn überall kooperiert und fusioniert wird: Bleibt die Vielfalt der evangelischen Profile erhalten?
Paar: Es ist doch ein riesiger Gewinn, dass wir so viele evangelische Profile haben bei unsim Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf. Es ist sogar unsere Pflicht, die Vielfalt zu stärken. Wir haben ein gemeinsames Bekenntnis und darunter darf und soll jeder Topf seinen geistlichen Deckel bekommen. Wenn Kirchengemeinden das hinbekommen, kann man sich wunderbar zusammentun. Das eigene Profil schützt man nicht, indem man es abschottet, sondern es einbringt. Wenn man also, so denke ich, nur nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner sucht, macht eine Neugründung möglicherweise keinen Sinn.
Stadtland: Das sehe ich genauso. Fusionierte oder neu gegründete Kirchengemeinden sind groß genug, um Profile an unterschiedlichen Orten unter einem gemeinsamen Dach sichtbar zu machen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass sich alle tolerieren und sich nicht gegenseitig den Glauben absprechen.
Reiche Gemeinde trifft arme Gemeinde: Wie gehen wir mit unterschiedlichen Finanzlagen um?
Stadtland: Die unterschiedlichen Kassenlagen sind ein echtes Fusionshindernis. Einige Kirchengemeinden haben massive Verbindlichkeiten angehäuft. Da kann ich verstehen, wenn andere mit den Schulden nicht fusionieren wollen, weil dann am Ende beide kein Geld mehr haben.
Paar: Viele Gemeinden stellen genau hier die Frage nach der Gerechtigkeit.
Stadtland: Dafür muss unsere Synode 2026 unbedingt eine Lösung finden.
Kirche, Pastor, Friedhof und Kita – ist die Gemeinde noch das, was sie einmal war?
Paar: Ist das nicht eine Sehnsucht nach etwas, das es so nie gab? Viele Gemeinden hatten bis nach dem Krieg einen zentralen Ort und haben sich erst später auf mehrere Orte verteilt. In meiner früheren Kirchengemeinde gab es im ganzen Kirchspiel nur eine Kirche und einen Friedhof. Alle anderen wurden später überall gebaut. Kirchengemeinde bedeutet Nähe, Beziehung und Qualität. Wenn dieser Spirit aus einer Neugründung entsteht, bin ich dafür. Anstatt an den Strukturen rumzudoktern. Wenn eine Gemeinde aktuell so gut funktioniert, wie sie ist, dann würde ich daran auch nichts ändern.
Stadtland: Die Ortsgemeinde ist nicht am Ende. Wir machen Vieles richtig gut. Ich wünsche mir für 2026 weiterhin klare Angebote an verlässlichen Orten. Die vielen neuen Aufbrüche sind gut. Wenn ich aber immer erst im Internet suchen muss, um wieviel Uhr ein Angebot wo stattfindet und ständig Neues ausprobiert wird, dann kann das auch abschrecken. Ja, es braucht Innovation. Aber ich denke, die Menschen vor Ort wollen klare Ansprechpartner und offene Kirchen. Vielleicht steht jemand von der Gemeinde vor der Kirche und ist ansprechbar. Oder es gibt wieder Besuche bei den Mitgliedern. Nicht unbedingt nur, wenn sie 80 werden, vielleicht auch mit 18 oder 30. Vielleicht gibt es Willkommensbriefe für neu Zugezogene. So stelle ich mir eine einladende Kirche für 2026 vor.
Die Fragen stellten Alessa Pieroth und Natalie Lux.

