Erinnerung wachhalten

Pastorin Dr. Wiebke Bähnk, Innenstadtgemeinde Itzehoe

“Wir wussten nicht, wohin man uns bringt”

Im Sommer 1941 wird Nicolaus Blättermann zur Zwangsarbeit deportiert. Seine Eltern und seine kleine Schwester Mirjam bringen ihn zum Bahnhof. Er hört nie wieder von ihnen. Anlässlich des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar hat er im Sophie-Scholl-Gymnasium in Itzehoe von seinem Leben und dem Leid unter dem nationalsozialistischen Terror erzählt. 

Nur sehr wenige Menschen können heute noch erzählen, was sie in dieser Zeit erlebt und erlitten haben. Nicolaus Blättermann ist 105 Jahre alt, einer der letzten, dem wir noch zuhören können. Mit offenen Ohren und der Bereitschaft, uns seine Erinnerungen etwas angehen zu lassen. So wie es am Dienstag ein paar Hundert Menschen, darunter sehr viele junge, getan haben. 

Spätestens wenn kein Zeitzeuge mehr lebt, der uns an seinen Erinnerungen teilhaben lässt, geht die Aufgabe wach zu halten, was wir gehört haben, mit Dringlichkeit auf uns über. Denn “die Erinnerung darf niemals aufhören”. So sagte es Roman Herzog 1996, als er den 27. Januar dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus widmete. 

Sich zu erinnern ist eine Grundhaltung des Glaubens. Sie meint nach biblischem Verständnis das Geschehene, das einmal war und doch nicht vergangen ist, bewusst zu vergegenwärtigen. Sich davon in die Verantwortung rufen zu lassen, dass das, was war, sich nicht wiederholen kann. Sich zu erinnern ist niemals eine leichte Aufgabe. Aber sie wahrzunehmen ist für unsere Gesellschaft eine Über-Lebensfrage. Um human miteinander zu leben. In Bewahrung dessen, was als Antwort auf das maßlose Unrecht des nationalsozialistischen Deutschlands als unaufhebbare Grundlage allen staatlichen und persönlichen Handelns in unserer Gesellschaft festgelegt ist: Dass die Würde aller Menschen unantastbar ist. Und unteilbar. 

Pastorin Dr. Wiebke Bähnk, Innenstadtgemeinde Itzehoe

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Veröffentlicht am Fr. 30.01.2026