Drei Kirchen in Elmshorn, Fotomontage

Fusionsfein? Eine Stimme aus der Praxis

Natalie Lux

 

Viele Kirchengemeinden denken über Neugründungen und Fusionen nach. Die Nikolaigemeinde Elmshorn zeigt, warum Mut, klare Zuständigkeiten und ein guter Draht zur Verwaltung wichtiger sind als perfekte Pläne. Pastorin Corinna Schmucker erzählt, was wirklich zählt – und welche Schritte jede Gemeinde vor einer Fusion klären sollte.

Als Pastorin Corinna Schmucker auf die ersten Schritte der Fusion ihrer Friedenskirchengemeinde mit St. Nikolai zurückblickt, fasst sie den Prozess mit einem Augenzwinkern zusammen: „Planlos geht der Plan los.“ Die neue Nikolaigemeinde Elmshorn ist zum 1. Januar 2026 entstanden. Und rückblickend ist Schmucker überzeugt: Der Anspruch, vor einer Fusion wirklich alles abschließend zu klären und die neue Gemeinde komplett aufzustellen, ist weder realistisch noch hilfreich.

„Man kann sich dumm und dämlich planen, aber irgendwann ist es gut, ins Wasser zu springen und schwimmen“, zitiert sie einen Ratschlag aus den Gemeinden Heide und Schleswig, die ihre Fusion bereits hinter sich hatten. Vieles, so Schmucker, ergebe sich erst auf dem Weg. Zudem waren die beiden Gemeinden in Elmshorn bereits vor der Fusion an vielen Stellen eng miteinander verbunden.

Ausgangslage und Anlass der Fusion

Ende 2024 stand die Friedenskirchengemeinde vor großen Herausforderungen: Durch mehrere Vakanzen fehlten in Elmshorn rund 80 Pastorenwochenstunden. Gleichzeitig kämpfte die Kirchengemeinde St. Nikolai mit ihrer zwar besonders schönen und historischen, aber eben kostenintensiven Kirche. Ergänzende Gebäudestrukturen waren kaum vorhanden. Die Fusion eröffnete neue Möglichkeiten: Aufgaben rund um die Hauptkirche St. Nikolai können nun gemeinsam getragen werden, und mit den Gebäuden der ehemaligen Friedenskirchengemeinde – etwa dem Haus der Begegnung in Hainholz – stehen Orte für vielfältige Angebote zur Verfügung. Für das Verkündigungsteam (das Pfarrteam Corinna Schmucker, Christofer Claas, Antje Eddelbüttel und Britta Stender sowie ehrenamtlich Verantwortliche) erweitert sich der Gestaltungsspielraum. Es gibt bereits einige Ideen, wie die Kirchenstraße, wo sich Gemeinde, Diakonie und Kirchenkreis tummeln, weiter belebt und stärker nach außen ausgerichtet werden kann.

Bürokratie gehört dazu – aber sie ist machbar

Als Fusionsbeauftragte musste sich Corinna Schmucker intensiv durch formale und rechtliche Fragen arbeiten. Ihr Rat an andere Gemeinden ist klar: frühzeitig einen neuen Namen finden und unbedingt § 15 der Kirchengemeindeordnung lesen. Dort ist geregelt, welche Voraussetzungen ein Gemeindename erfüllen muss, um vom Landeskirchenamt genehmigt zu werden.

Ein weiterer praktischer Punkt ist das Kirchensiegel. Dieses sollte idealerweise ein Dreivierteljahr vor der geplanten Fusion in Auftrag gegeben werden. Der Prozess ist aufwendig: Genehmigungen durch Kirchengemeinderäte und Kirchenkreisrat, die Erstellung eines Entwurfs durch eine Fachkraft und eine Probestempelung, die beim Landeskirchenamt eingereicht werden muss. In Elmshorn war man sich beim Motiv schnell einig: Der heilige Nikolaus. Er hält die kleine Flora im Arm, das Wappenzeichen der Stadt Elmshorn.

Drei Dinge, die vor der Fusion geklärt sein sollten

Aus Sicht von Corinna Schmucker gibt es drei zentrale Voraussetzungen, um „fusionsfein“ zu sein:

  • der Name der neuen Kirchengemeinde
  • das Kirchensiegel
  • der Fusionsbeschluss

Besonders wichtig war dabei die Unterstützung durch das Kirchliche Verwaltungszentrum, das den Fusionsbeschluss vorbereitete. "Vollumfängliche Rechtsnachfolge“ heißt das Zauberwort, verrät Schmucker. Diese stellt sicher, dass Verträge und Regelungen der bisherigen Gemeinden weiterhin gelten. Ein enger und vertrauensvoller Kontakt zur Verwaltung ist für die Formalitäten unheimlich wichtig.

Verantwortung bündeln statt alles gemeinsam entscheiden

Ein weiterer Lernpunkt aus Elmshorn: Nicht alles muss von allen entschieden werden. Während zentrale Fragen wie Name und Siegel in den Kirchengemeinderäten ausführlich beraten und beschlossen wurden, lag die operative Steuerung der Fusion bei Corinna Schmucker als Fusionsbeauftragter. Diese klare Rollenverteilung hat den Prozess spürbar erleichtert.

Gestaltung folgt nach der Fusion

Viele Fragen – etwa zu Gruppen und Kreisen, zur Jugendarbeit oder zu Gottesdienstformaten – werden bewusst erst nach der Fusion in der neuen Struktur beraten. Das geschieht nun im Übergangs-Kirchengemeinderat und in weiteren Beteiligungsformaten, unter anderem auf einer geplanten Klausur. “So haben wir schon die Struktur und können gut planen”, sagt Corinna Schmucker. 

Bereits festgelegt ist, dass sonntags um 10 Uhr immer Gottesdienst in St. Nikolai gefeiert wird. Perspektivisch steuert die Gemeinde auf vielfältige Gottesdienstformate an unterschiedlichen Orten zu. Als nächstes bekommen die rund 10.000 Gemeindemitglieder einen Brief nach Hause und werden in den neuen Strukturen willkommen geheißen. Corinna Schmucker zieht ein nüchtern-zuversichtliches Fazit: „Nach der Fusion ist vieles einfacher. Entscheidungen fallen klarer, Zuständigkeiten sind eindeutiger – und es bleibt wieder mehr Raum für Inhalte.“


Checkliste: Sind wir fusionsfein?

vor dem Entschluss 

  • ☐ Kann jeder KGR etwas Positives an der Fusion finden?
  • ☐ Wollen wir jetzt entscheiden, anstatt uns später der Realität zu beugen?
  • ☐ Sind wir bereit, uns auch von Altem zu trennen?
  • ☐ Haben wir Lust auf neue Wege? 


    Nach dem Entschluss
  • ☐ Neuen Namen gefunden und Kirchengemeindeordnung (§ 15) geprüft
  • ☐ Kirchensiegel frühzeitig beauftragt
  • ☐ Fusionsbeschluss vorbereitet (Stichwort: vollumfängliche Rechtsnachfolge)
  • ☐ Kirchliches Verwaltungszentrum eng einbinden
  • ☐ Klare Zuständigkeiten festgelegt (operative Steuerung vs. Gremienentscheidungen)


Fusion aus der Praxis: Dos & Don’ts

Do

  • Frühzeitig den Kontakt zur Verwaltung suchen
  • Alle Beteiligten im Boot haben. Wer den gefassten Beschluss torpediert, kann hier nicht bleiben
  • Verantwortung bündeln und Zuständigkeiten klären
  • Erfahrungen anderer fusionierter Gemeinden nutzen
  • sich klarmachen, dass man an Tag 1 nach der Fusion erst einmal keinen Cent spart und keine Minute effizienter arbeitet. Es geht um eine langfristig tragfähige Struktur.
  • Mut haben, nicht die gesamte Struktur vorab zu regeln
  • Öffentlichkeitsarbeit früh starten
  • Neue Webseitendomain auswählen
  • Freude an Veränderungen haben und auch kleine Prozessschritte ordentlich feiern
  • Geduld mit allen, die langsamer sind, Langmut und Verständnis für Menschen mit Sorgen
  • Einen schönen Gottesdienst zur Fusion gemeinsam planen
  • Prozessbeauftragte entlasten, damit sie arbeitsfähig bleiben. Viele Arbeiten sind nur zu den üblichen Geschäftszeiten möglich, und der/die geschäftsführende Fusionsbeauftragte muss von anderen Dingen entlastet werden
  • Fördermittel (z. B. Innovationsfonds und Regionalfonds des Kirchenkreises) prüfen
  • Geld für Veränderung einplanen (mobile Geräte, Beratung, Werbung)
     

Don’t

  • Den Anspruch haben, vor der Fusion jede Detailfrage zu klären
  • Jede Entscheidung in große Gremien ziehen
  • Den Zeitbedarf unterschätzen. Das gilt nicht nur für Namen und Siegel. Auch zum Beispiel die Zusammenführung von Ausschüssen braucht viel Zeit und Liebe.
  • Konkurrenz zwischen Orten, Themen, Gremien zulassen. Alles ist wichtig.
  • Fusion ausschließlich als Sparprojekt betrachten und kommunizieren
  • Entscheidungen zu früh treffen. Manche Entscheidungen gehen wirklich erst, wenn alle für alles verantwortlich sind.


Rollenklärung: Wer macht was?

  • Kirchengemeinderat / Kirchengemeinderäte: Grundsatzentscheidungen (Name, Siegel, Fusionsbeschluss)
  • Fusionsbeauftragte Person: operative Steuerung des Prozesses
  • Kirchliches Verwaltungszentrum: rechtliche Begleitung, Beschlussvorlagen, Verträge
  • neuer KGR: inhaltliche und strukturelle Gestaltung nach der Fusion


Dieser Erfahrungsbericht möchte Mut machen. Jede Fusion verläuft anders – aber niemand muss bei null anfangen.

Veröffentlicht am Mi. 11.02.2026