Dr. Thomas Bergemann, Prost des Kirchenkreises Rantzau-Münsterdorf
Lisa Scheide

Gedanken zum Monat Juli

Haben Sie schon einmal einen Engel gesehen? Wenn nicht, sollten Sie das Sehen üben. So wie Elia aus der Bibel. Von ihm erzählt unser Monatsspruch für Juli.

Da heißt es: „Der Engel des HERRN rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ Elia hat den Engel dringend gebraucht. Denn er war fertig mit sich und der Welt. Er war auf der Flucht, denn aus Neid und Missgunst, aus angestauter Wut hatte Elia viele Menschen getötet. Weil sie anders glaubten als er und weil sie vielleicht auch anders waren.
Neid und Missgunst – wenn wir die Bibel genau lesen, dann sind das die ureigensten Eigenschaften des Menschen. Wieso tötet Kain seinen Bruder Abel? Aus Neid und Missgunst. Was treibt Jakob an? Neid und Missgunst. Wieso sind die Brüder Josefs so brutal? Aus Neid und Missgunst.
Und was ist Elias Motivation? Neid und Missgunst. Sein Gott soll der Beste sein und keiner sonst. Und dann bringt er alle anderen Priester um, die etwas anderes glauben als er. Und muss fliehen vor der Rache der Übriggebliebenen. Und er läuft und läuft und läuft und kann irgendwann nicht mehr. Legt sich hin und will sterben. Aber dann kommt der Engel des Herrn und sagt: „Steh auf und iss, denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ Einen weiten Weg im Wortsinn, aber auch im Hintersinn. Denn Elia muss sich ändern. Gott ist nicht Gewalt, nicht Neid, nicht Missgunst, nicht grausame Wut oder blinder Gehorsam. Gott ist sanft und zart, liebevoll und gnädig.
Wie ein stilles, sanftes Sausen – so ist Gott. Auch wenn wir gezeichnet und geplagt sind von Neid. In Partnerschaft und Ehe: Wer ist erfolgreicher bei der Arbeit, wen mögen die Kinder vielleicht lieber, wer kommt aus der besseren Familie? Unter Geschwistern: Du bist das Muttikind, mich aber mag Papa lieber. Der große Bruder kann so gut rechnen, aber er kann viel schlechter erzählen als ich. Ich habe ein Kind, kleine Schwester, du nicht. Auf der Arbeit: Wieso redet der Chef schon wieder so lange mit ihm? Jetzt bekommt die schon wieder das Projekt, was ich doch viel besser könnte. Wieso ist der nur immer so fröhlich?
In allen Lebenszusammenhängen können sich der Neid und die Missgunst einschleichen, können uns lähmen und uns uns selbst fremd machen.
Können wir dann noch einen Engel sehen im anderen Menschen? Hoffentlich! So wie bei Elia, einer, der sagt: Iss und trink und mach dich wieder auf den Weg. Einer, der uns etwas zutraut. Der uns nicht in Ruhe lässt. Einer, der uns daran erinnert, dass es das sanfte, stille Sausen gibt. Dass Gott uns annimmt, genau so wie wir sind – so schwach und so stark, so schön und so töricht, so gescheit und so naiv. Dass wir nicht neidisch zu sein brauchen, nicht denken müssen, wir würden zu kurz kommen oder nicht gesehen werden. Sondern, dass wir richtig sehen sollen, damit wir die Engelsflügel bei den anderen sehen und daran glauben, dass Gott auch für uns ein Paar bereitet hat.

Ihr Thomas Bergemann

Veröffentlicht am So 28.06.2020