Der Weg biegt nach links ab. Plötzlich wird die Luft kühler. „Jetzt betreten wir eine andere Klimazone“, sagt Thorben Trojahn und bleibt stehen. „Die des Waldes.“
Vogelstimmen sind zu hören, Insekten summen, Licht fällt durch Lücken im Blätterdach. Ein gemähter Weg schlängelt sich durch hohes Gras. Unter Bäumen stehen vereinzelt Bänke. Erst auf den zweiten Blick verraten die Grabsteine zwischen den Stämmen, dass dies ein Friedhof ist: Der Nordfriedhof der Kirchengemeinde Kellinghusen.
Seit drei Jahren verantwortet Friedhofsverwalter Thorben Trojahn die Entwicklung der beiden kirchlichen Friedhöfe in Kellinghusen. Der 1979 geborene Forstwirt und Friedhofsgärtner verfolgt dabei eine klare Idee: Friedhöfe sollen nicht nur Orte der Trauer sein, sondern Orte des Lebens, der Erinnerung und der Begegnung.
Ein lebendiger Kosmos
„Der Glaube hat mir geholfen zu sehen, dass der Tod nicht endlich ist“, sagt Trojahn. „Man liegt hier zwar am Ende seines Lebens, aber man ist eingebunden in einen lebendigen Kosmos.“ Dieser Gedanke prägt seine Arbeit.
Auf dem Nordfriedhof entsteht seit einigen Jahren bewusst ein Waldcharakter. Die Mitte des als Rundfriedhof angelegten Geländes wird nach und nach verwaldet. Zwischen Bäumen finden Urnenbestattungen statt. Grabsteine liegen wie Tortenstücke rund um die Stämme. Nicht jeder Baum dient als Grabstätte. Manche sind auch Lebensraum für Tiere. Immer wieder gibt es Vogeltränken. Friesenwälle bieten Insekten Schutz. Totholz bleibt bewusst liegen. Wo früher streng gepflegte Rasenflächen dominierten, entstehen neue Lebensräume. „Man vergisst hier manchmal, dass man auf einem Friedhof ist“, sagt Trojahn.
Tatsächlich überrascht hinter einer Wegbiegung ein Bauerngarten. Dort wachsen Salat, Kartoffeln und Erdbeeren. Geerntet wird für das Altencafé, das Erntedankfest, die Mitarbeitenden oder Veranstaltungen der Kirchengemeinde. „Warum muss ein Friedhof immer starr sein?“, fragt Trojahn. „Er kann auch anders aussehen.“
Erinnerungen sichtbar halten
Doch so wichtig ihm die Zukunft ist, genauso wichtig ist ihm die Vergangenheit. „Solange wir uns an Menschen erinnern, leben sie weiter.“ Dieser Satz beschreibt, warum Trojahn historische Grabstätten dokumentiert, alte Grabsteine fotografiert und Friedhofsführungen anbietet.
Auf dem Südfriedhof, direkt neben der St.-Cyriacus-Kirche, erzählt beinahe jede Ecke ein Stück Kellinghusener Geschichte. Hier liegen Kriegsopfer aus den Weltkriegen. Finnische Soldaten des Jägerbataillons 27 fanden hier ihre letzte Ruhe. Jedes Jahr erinnern die sogenannten Finn-Tage an jene Männer, die an der Entstehung des finnischen Staates beteiligt waren. Trojahn recherchiert ihre Geschichten, restauriert Grabstätten und macht historische Zusammenhänge sichtbar. Auch weniger bekannte Schicksale liegen ihm am Herzen. Fünf Kinder von Zwangsarbeiterinnen wurden während des Zweiten Weltkriegs namenlos verscharrt. Heute erinnert nichts mehr an sie. Das möchte Trojahn ändern. Zum Tag des Friedhofs soll Geld für einen Gedenkstein gesammelt werden. „Sie dürfen nicht vergessen werden“, sagt er.
Friedhof als Ort der Seelsorge
Trojahn spricht viel von Erinnerung. Vielleicht auch deshalb, weil er selbst schwere Verluste erlebt hat. Er verlor einen Sohn. Er begleitete Angehörige bis zum Tod. Als Afghanistan-Veteran hat er Leid und Sterben erlebt. Diese Erfahrungen prägen seine Begegnungen mit Trauernden. „Ich wünsche mir, dass Friedhofsmitarbeitende stärker seelsorgerisch ausgebildet werden“, sagt er. „Wir sehen die Menschen oft viel häufiger als Pastorinnen und Pastoren.“ Trojahn geht jeden Tag über die Friedhöfe. Nicht nur, um nach dem Rechten zu sehen, sondern auch, um ansprechbar zu sein. Viele Gespräche entstehen zufällig: An einer Bank, auf einem Weg, an einer Grabstätte.
Für Menschen, die ein pflegeintensives Familiengrab nicht mehr erhalten können, sucht Trojahn individuelle Lösungen. Manchmal legt er neue pflegefreie Grabinseln in der Nähe alter Familiengräber an. Manchmal greift er Pflanzen oder Gestaltungselemente aus der bisherigen Grabstätte auf. „Es geht darum, gute Kompromisse zu finden“, sagt er. „Die Menschen sollen sich mit dem Ort verbunden fühlen.“
Friedhof der Zukunft
Die beiden Friedhöfe liegen an Wanderwegen, neben Schulen und Kindertagesstätten. Viele Menschen nutzen sie als grüne Oasen mitten im Alltag. Trojahn sieht darin eine Chance. Der Friedhof ist kein abgeschlossener Ort, sondern Teil des Gemeindelebens. Deshalb gibt es Begegnungsbänke, Friedhofsführungen, Aktionen mit Kindern, den Bauerngarten und den Tag des Friedhofs.
Und auch Nachhaltigkeit gehört zum Konzept. Alte Grabsteine werden wiederverwendet. Aus Friedhofsholz entstehen Bänke. Laub wird kompostiert. Materialien werden recycelt. All das folgt derselben Idee. Der Friedhof ist nicht nur ein Ort des Abschieds. Er ist ein Ort, an dem Erinnerungen bewahrt werden. Ein Ort, an dem Natur wachsen darf. Und ein Ort, an dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen.
Termine auf dem Friedhof Kellinghusen
Ort des Trostes/ Ort der Stärkung: Jeden dritten Mittwoch im Monat (in der warmen Jahreszeit), 14:30 - 16:30 Uhr, Ehrenamtliche mit eigener Trauererfahrung und Hospizusbildung laden zu einer Tasse Kaffee oder Tee auf die Begegnungsbank auf dem Südfriedhof ein.
Tag des Friedhofs am 19. September 2026 von 10 bis 17 Uhr auf dem Nord- und Südfriedhof in Kellinghusen.

