Symbolbild Fastenzeit

Gott first, Essen später

Natalie Lux

Dry January, No-Spend-Monat, Achtsamkeitsretreat – Verzicht liegt im Trend. Ausgerechnet die Kirche hält Abstand zu ihrer eigenen Fastenzeit. Warum das schade ist und was wir dabei verpassen.

Sie kennen den Dry January. Vielleicht auch den No-Spend-Monat. Diese selbstauferlegten Zeiträume, in denen man nicht trinkt, nichts kauft und Unnötiges beiseite lässt. Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit Verzicht – und entdecken dabei etwas Überraschendes: Erfüllung durch Weniger. Kennen Sie auch das „40-Tage-vor-Ostern-ohne-Zucker-Alkohol-und-Überfluss-Detox-Programm“? Richtig. Die christliche Fastenzeit.

Religionen haben das Fasten erfunden, lange bevor es Social-Media-Challenges und Hashtags gab. Und eigentlich müsste man sagen: Wir liegen damit geradezu unverschämt im Zeitgeist. 

Eigentlich. Denn ausgerechnet viele Christinnen, Christen und Gemeinden – gerade evangelische – lassen die Fastenzeit lieber links liegen. Oder betrachten sie mit Argwohn. Zu katholisch. Zu ritualisiert. Nicht protestantisch-intellektuell. Und wenn schon, dann bitte „7 Wochen fürs Klima“ oder „7 Wochen mehr Spaß am Leben“. Bloß nichts, was nach Verzicht klingt.

Schade, finde ich, Natalie Lux, Autorin dieses Textes, und jedes Jahr aufs Neue begeistert von der Fastenzeit.

Muslimisch Gläubige gratulieren mir regelmäßig, wenn ich erzähle, dass es auch im Christentum eine Fastenzeit gibt und dass ich sie auch wahrnehme. „Frag dich nicht nur, was Gott für dich tut, sondern auch, was du für Gott tun kannst“, sagen sie dann. Man versteht. Von meinen eigenen Glaubensgeschwistern ernte ich süffisante Kommentare. Stecke ich weg. 

Vierzig Tage verzichte ich auf Kaffee, Zucker, Alkohol und Fleisch. Die ersten beiden fallen mir echt schwer. Die anderen beiden merke ich kaum. Durch das Durchbrechen des ewigen Belohnungssystems wird Zeit frei. Nicht nur Zeit in Minuten und Stunden, sondern Freiheit im Kopf. Abstand von Zwängen. Raum zum In-sich-Gehen. Eine Initialzündung für Einkehr, Gebet und für so manchen Kurswechsel. Wenn ich vor dem Süßigkeitenregal stehenbleibe und bewusst umkehre, dann funktioniert dieses Umkehren später auch an anderen, wichtigeren Stellen. Gott first, Essen später. Alle Religionen wissen um dieses Prinzip und haben ihre Regeln, die wehtun können oder aber lockerer ausgelegt werden. 

Wenn ich an meinen Auftrag für die evangelische Kirche denke – Öffentlichkeitsarbeit –, dann wird eines sehr deutlich: Wir lassen hier enormes Potenzial liegen. In der Gesellschaft gibt es einen echten Hunger nach Spiritualität, nach Einkehr, nach Verzicht und Neuorientierung. Dieser Hunger wird derzeit im Yoga-Retreat, im Achtsamkeitskurs und in Selbstversuchs-Monaten gestillt. Nur selten in der Kirche. 

Obwohl wir das alles längst im Angebot hätten - seit Jahrhunderten.

Veröffentlicht am Di. 17.02.2026