Zu Hause in der Stillen Nacht

Dietmar Gördel, Pastor in St. Jakobi Itzehoe

Wenige Worte wecken so viele Emotionen wie „zu Hause“. Gerade heute am Heiligabend. Erinnerungen an die Kindheit werden wach. Manche davon sind ganz voller Glanz, manche auch schmerzhaft. Anforderungen kommen hoch, wenn es über die Feiertage „nach Hause“ geht.

Sehnsüchte sind da, wie das Zuhause aussehen sollte, ein Ort der Geborgenheit, der Wärme, des Friedens.

Wir werden es heute Nacht wieder singen, wie es Millionen Menschen weltweit tun werden: Stille Nacht, heilige Nacht. Dieses Lied, das 1818 das erste Mal Heiligabend gesungen wurde. Das unsere Sehnsucht nach friedenvollen Weihnachten in Musik hüllt und unser Innerstes anspricht. Lange Zeit war es mir zu schmalzig, mit dem trauten Paar und dem holden Knaben. Erst allmählich habe ich mich mit diesem Lied angefreundet, als ich die Geschichte dahinter hörte. Es stammt keineswegs aus einer heilen Zeit. Gerade erst waren die napoleonischen Kriege über Europa gezogen, das Land verwüstet. Joseph Mohr, der Dichter, hatte als uneheliches Kind das „traute Paar“, die heile Familie nie zu Hause erleben dürfen, sondern wuchs ohne Vater in Armut auf. Er hat seine ganze Sehnsucht nach Annahme, nach Gemeinschaft in diese Zeilen gelegt und uns geschenkt. Und er hat unserer Hoffnung einen Halt gegeben: „Christ, der Retter ist da.“

Diese Botschaft, die die Engel verkünden, gilt allen, die Weihnachten mit Sehnsucht im Herzen feiern. Die hoffen auf eine neue Perspektive im eigenen Leben, den Zusammenhalt zu Hause, ein Miteinander in der Gesellschaft, Frieden in der Welt.

Wenn Sie ein Zuhause haben, das erfüllt ist mit Freude, dann danken Sie Gott für dieses große Geschenk und teilen Sie es mit anderen. Und wenn zu Hause etwas schiefläuft, dann bitten Sie Gott, Ihnen zur Seite zu stehen und machen Sie wie er den ersten Schritt hin zur Versöhnung. Auch das hat dieses Lied gezeigt, dass ärgste Feinde zusammenfinden können. Weihnachten 1914 sangen deutsche und französische Soldaten miteinander dieses Lied und die Waffen schwiegen.

Die Geburt von Gottes Sohn mitten in der Nacht, mitten in unseren Ängsten, ermutigt uns, wach zu bleiben und zu erwarten, was noch kommt. Der Heilige Abend ist nicht heilig, weil er so ruhig und still ist, sondern weil mitten in unsere unruhige Welt hinein Gottes Heiland geboren wird. Gott wendet sich uns zu. Nicht nur damals vor 2000 Jahren in Bethlehem, sondern auch heute bei uns in Itzehoe. Mit „Christ, in deiner Geburt“ besingen wir, dass Gott an unserer Seite steht, er uns nicht alleine lässt, sondern zu uns nach Hause kommt und uns zu sich nach Hause einlädt, gerade auch, wenn bei uns nicht alles still und friedlich ist.

Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten und dass Sie in „Stille Nacht“ mit einstimmen können.

Pastor Dietmar Gördel, St. Jakobi Itzehoe

Veröffentlicht am Fr. 21.12.2018