Zerissenheit

Jürgen Wesselhöft, Prediger der Gemeinschaft Ev. Kirche Barmstedt: Während des ganzen Gottesdienstes war das gleiche Geräusch zu hörend ...

als ob jemand eine Zeitung zerreißt. Es war störend. Die Besucher schau¬ten sich um und entdeckten Frank. Frank, 28 Jahre alt, ist geistig behin¬dert, kann nicht hören und nicht reden. Er zerreißt eine Zeitung. Mitten im Gottesdienst. Am Ende will der Pfarrer wissen, warum er das gemacht hat. Sie setzen sich mit Frank zusammen. Und dann bekommen sie heraus: Frank fühlte sich total zerrissen. Was er erlebt hatte, wie man ihn in der Gruppe behandelt hatte, Enttäuschung, Wut hatte sich in ihm aufgestaut. Maria, 29 Jahre alt, ebenfalls geistig behindert, sammelt währenddessen die zerrissenen Zeitungsstreifen auf und legt sie auf dem Boden der Kirche zu einem Kreuz zusammen. Ein Kreuz aus lauter Zerrissenheit. Als ob Maria weiß: Ja, unsere ganze Zerrissenheit darf zum Kreuz. Dort hat sich Gott für uns zerreißen lassen.
Kann das sein, hat das Kreuz etwas mit mir und meiner Zerrissenheit zu tun? Mit meinem innerlichen hin- und hergerissen-sein zwischen den Entscheidungen. Oder im Sinne von „unter die Räder gekommen“. Woher kommt in dieser Zerrissenheit die Kraft? Oder Zerrissenheit im Sinne von: tief erschüttert werden. Alle Hoffnung auf etwas gesetzt – und es passiert Schlimmes. Da hat er sich so auf seinen Ruhestand gefreut. Und ausgerechnet kurz vor der Rente erreicht ihn die Diagnose Krebs. Zu spät erkannt. Keine Heilungschancen mehr. Zerrissenheit für die ganze Familie, für die Freunde. Das Leben scheint sich abzuspielen zwischen Glauben und Verzweiflung. Wie hilft der Glaube in der Verzweiflung, der Zerrissenheit? Die Gemeinde und Diakonie sind Orte, wo Zerrissenheit einen Platz hat. Hier kann die Zerrissenheit zugelassen werden, hier kann man über sie sprechen, nicht mehr verdrängen und wenn es gut geht, annehmen. Die Gemeinde ist ein Ort, an dem man gemeinsam Vieles aushält.  Miteinander. Nicht jeder für sich alleine. Gemeinsam statt einsam.
Christen kennen das Kreuz als den Rettungsanker in Zeiten der Not und der Anfechtung. Hier können wir in aller Zerrissenheit hin. Und das Kreuz hält uns aus und wir halten aus - in aller Not beim Kreuz. Und weil das so schwer zu fassen ist, kann man das in der Gemeinde erleben.
Jürgen Wesselhöft, Prediger,

Veröffentlicht am Mi. 04.07.2018