Wort zum Sonntag: Flöcki ist tot

Anne Wöckener-Gerber, Dietrich-Bonhöffer Gemeinde Itzehoe

Stern oder Leben?

Mia zog sich ihre neue Regenhose an, dann die Gummistiefel mit den Sternchen, die im Dunkeln leuchteten. Jule, ihre große Schwester, die schon in die zweite Klasse ging, wartete an der Tür zum Garten. Sie machte ein ernstes Gesicht, so wie sie es bei den Erwachsenen manchmal sah, wenn sie etwas Wichtiges sagten wie „Du darfst keine Chips in die Schule mitnehmen!“.

Mias Regenhose quietschte beim Gehen – uietsch, uietsch.
Da lachte Jule dann doch – haha.
Mia und Jule gingen Hand in Hand zu dem Platz an der Garagenwand, wo die Pflanze mit den bunten Blättern hochrankelte.
Mia kniete sich hin und bohrte einen Finger in die Erde. „Hier, glaube ich“, sagte sie.
„Warte!“, sagte Jule, „Ich hole die Schaufel aus der Sandkiste.“
Mia hielt die Schaufel während Jule mit einem Stöckchen in die Erde stach.
„Da!“, rief Jule.
Mia buddelte mit der Schaufel an der Stelle. Der Schuhkarton war von der feuchten Erde durchgeweicht. Jule hob ihn heraus. Die beiden guckten sich an.
„Soll ich?“, fragte Jule. Mia nickte.
Jule nahm den Deckel ab. Die Fellhaare des toten Hamsters klebten zusammen.
„Hm“, sagte Mia, „Der sieht gar nicht mehr aus wie Flöcki.“
„Ja“, sagte Jule, „gar nicht mehr süß und wuschelig.“
Mia piekste und drehte ihn ein bisschen mit dem Stöckchen. „Fühlt sich komisch an.“, sagte sie.
„Komm, wir tun ihn wieder rein!“, schlug Jule vor. „Wir können in ein paar Wochen ja nochmal gucken.“
„Weiß nicht“, sagte Mia. „Helena sagt, dass, wenn man gestorben ist, ein Stern wird.“
„Nee“, widersprach Jule, „man vergammelt und irgendwann macht Gott die wieder lebendig, sagt meine Reli-Lehrerin.“
„Ich will wieder rein.“
„Ok, lass uns Chips essen!“

Veröffentlicht am Fr. 24.06.2022