Am 19. Juni wütete ein heftiger Gewittersturm über Zürich. Bäume wurden entwurzelt. Eine junge Frau starb durch einen herabfallenden Ast. Und für die Kirche gab es vernichtende Schlagzeilen: Eine hochschwangere Frau und ihr Mann suchten Schutz in der Fraumünsterkirche und wurden abgewiesen. Das Fraumünster steht beim Paradeplatz, einem der teuersten Pflaster der Welt. Besuchende müssen Eintritt bezahlen, um die Chorfenster von Marc Chagall zu besichtigen. Es war Schliessenszeit, darum wurden die Schutzsuchenden nicht eingelassen. Die Sachlage war ein klein wenig komplexer, als die Schlagzeilen suggerieren. Am Ende wurde dann doch kein einziger Mensch in den Sturm hinausgeschickt. Dennoch: dieser Vorfall hätte nicht geschehen dürfen. Warum erzähle ich das? Erstens: Zürich ist meine Heimatstadt. Ich fühle mich auch in tausend Kilometer Entfernung betroffen. Zweitens: Zürich ist überall. Nirgendwo hätte das passieren dürfen. Und überall hätte es passieren können. Oh ja, auch in deiner Dorfkirche. Denn wir sind alle Menschen, und Menschen machen Fehler. Drittens: Der Shitstorm, den es selbstverständlich gab, machte mich nachdenklich. Die Empörung ist so billig. Nach unten treten, gegen eine Mitarbeiterin am unteren Ende der Gehaltsliste. Als würde in der Weihnachtsgeschichte der Türsteher der Herberge die Schuld für die Stallgeburt kriegen und nicht der Kaiser. Aber Empörung gegen die Verantwortlichen kostet…
Wenn Empörung zu einfach wird
Pastor Matthijs van Zwieten de Blom, Innenstadtgemeinde Itzehoe
Eine Kirche weist Schutzsuchende ab – und erntet einen Sturm der Empörung. Doch wer trägt eigentlich Verantwortung, wenn Menschen Fehler machen?
Veröffentlicht am Mi. 12.08.2026

