Wem werde ich zum Nächsten?

Friedemann Ohms, Gemeinschaft in der Evangelischen Kirche, Itzehoe

Ein Mann liegt am Straßenrand. Überfallen, ausgeraubt, verletzt. Wer bleibt stehen?

Ein Priester kommt vorbei. Dann ein Levit. Beide sehen ihn. Beide gehen weiter. Dann kommt ein Samariter und bleibt stehen. 

Das war für die Zuhörer Jesu keine harmlose Geschichte. Juden und Samariter waren einander fremd und oft feindlich gesinnt. Ausgerechnet einer von denen, auf die man eher herabsah, tut das Richtige. 

Jesus erzählt diese Geschichte als Antwort auf die Frage: „Wer ist mein Nächster?" Eigentlich ist das eine Frage nach Grenzen. Für wen bin ich verantwortlich? Wem muss ich helfen? Und bei wem darf ich sagen: Das ist nicht meine Sache? 

Jesus antwortet darauf nicht mit einer Regel. Er dreht die Frage um: Wer ist dem Verletzten zum Nächsten geworden? 

Damit verändert sich etwas. Es geht nicht mehr darum, ob ein anderer zu mir gehört. Es geht darum, ob ich bereit bin, ihm nahe zu sein. Der Samariter fragt nicht, woher der Mann kommt. Er fragt nicht, ob er vielleicht selbst schuld ist. Er hilft. 

Und auch die beiden Frommen bekommen in dieser Geschichte keine gute Rolle. Sie sehen die Not und gehen weiter. Das ist eine unangenehme Frage an jeden Glauben: Was ist Frömmigkeit wert, wenn sie am Menschen vorbeigeht? 

Menschen liegen auch heute am Rand. Einsame. Arme. Wohnungslose. Kranke. Menschen, die nicht ins Bild passen. Wir können nicht jedem helfen. Aber wir können hinsehen. Wir können stehen bleiben. Wir können uns einmischen. 

Am Ende sagt Jesus nur: „Geh hin und handle genauso." Vielleicht ist deshalb nicht die wichtigste Frage: Wer ist mein Nächster? Sondern: Wem werde ich zum Nächsten? 

Friedemann Ohms, Gemeinschaft in der Evangelischen Kirche, Itzehoe

Veröffentlicht am Fr. 04.09.2026