Theologische Blutgrätschen

Pastorin Anne Wöckener-Gerber, Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde Itzehoe

Wir brauchen mehr Botschaften im Briefkasten und eine Freundin.

„Kannst du das entziffern?“ Eine Freundin schob mir einen Zettel zu. „Der lag heute im Briefkasten.“ Ich las stockend: „Letzte Hand hat keine Tasche.“ Ich guckte sie ratlos an. „Letzte Hand hat keine Tasche? Was soll das bedeuten? Was will dir da jemand sagen?“

Vielleicht will mir jemand damit raten aufzuhören, auf die 47.000 Euro Birkin-Bag zu sparen,“ sagte sie scherzhaft und lachte. „Nee, ich vermute, es soll heißen „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ Klaro. Meine Begriffsstutzigkeit war mir ein bisschen peinlich. Thema durch.

Ohne darüber nachzudenken, hatten wir beide die bekannte Redensart vorausgesetzt und es dabei belassen. Dabei kann es so vergnüglich und anregend sein, ein bisschen danebenzuliegen und Gespräche damit anzustoßen. Das legendäre „Wäre, wäre – Fahrradkette“ von Lothar Matthäus ist der beste Beweis dafür. Es ist leicht, sich über den Loddar lustig zu machen. Es kann leicht machen, den eigenen Loddar in sich zu entdecken und rauszulassen.

Auch in der Kirche gibt’s Redensarten, wo immer welche wissen, wie Gott ist und was Gott will, was richtig und was falsch ist. Wie irritiert waren da viele, als feministische Theologinnen vor 40 Jahren „Mutter unser“ beteten oder Pastor Quinton Ceasar beim letzten Evangelischen Kirchentag sagte: „Gott ist queer“. Ja, diese Aussagen waren wohlüberlegt und nicht ausgerutscht, für einige sogar theologische Blutgrätschen. Eine weitere Diskussion über beanspruchte Wahrheiten zu christlichem Glauben und Lebenswandel hat sich meines Wissens daran auch nicht angeknüpft. Da braucht es wohl eher Botschaften im Briefkasten und eine Freundin.

Pastorin Anne Wöckener-Gerber, Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde Itzehoe

Veröffentlicht am Fr 28.06.2024