Sommer

Janine Meyer, Pastorin in Elmshorn

Mitten im Sommer, da rauschen die Linden. Ich kann sie hören, wenn ich auf den Treppen meines Elternhauses sitze.

Ein Mietshaus inmitten der Stadt. Während die nackten Fußsohlen über den Beton scharren, lege ich meinen Kopf in den Nacken. Der Lärm der Straße fließt gleichsam durch mich hindurch, denn mein Herz lauscht in die alten Bäume hinein. Aus ihrem Geäst blickt mir das goldgrüne Laub entgegen. Eine Taube gurrt im Silberkleid.

Ich beschirme meinen Blick mit der Hand: Strahlen fallen durch die Borken, die Risse, durch Blätter, die sich winden. Ein stetiges, unnachgiebiges Leuchten, ein lindfarbenes Schattenspiel. Das ist, was mich erinnern lässt. Mich zurückträumen und sehnsuchen. Wenn das passiert, erkunden wieder Ameisen meine Zehen. Dann sind da plötzlich nur noch Wackelzähne, Flummies und Stracciatella. Warme Hundebäuche und Erdbeeren. Nur das und sonst nichts wichtig unter den Zweigen – sie schieben sich in das Himmelblau hinaus. Diese Bäume sind mir Schatten und Schirm. Waren sie immer. Sind sie noch heute.

Ich bin mir sicher: Da ist einer. Der ist wie ein Lindenbaum. Der mich beschirmt und beschattet. Wenn sich die Sturmbringer erheben, wenn die Herbstwinde durch Thuja und Eibe fegen, dann sitz‘ ich ihm zu Füßen. Dann zieht es mich in seinen Schatten, dann lehne ich mich in sein unnachgiebiges Leuchten. Dann lasse ich mein Herz lauschen. Noch in den tiefsten Dunkelheiten, dann, wenn der Wind durch’s Leben fegt, flüstern seine Zweige mir zu: „Fürchte dich nicht!“

Janine Meyer, Pastorin in Elmshorn

Veröffentlicht am Fr. 02.08.2024