Meine Zahnseide ist Optimistin. Auf ihrer Verpackung fordert sie mich auf: „Sprich mir nach: Meine Ziele und Träume sind immer erreichbar!“ „Das ist doch dummes Zeug“, entgegne ich, „irgendwas zwischen Hokuspokus und neoliberalem Gequatsche. Ich werde es auch im nächsten Jahr nicht schaffen, meine Steuererklärung spätestens im April abzuschicken. Nicht einmal den Biomüll rauszubringen, bevor über ihm eine schwarze Wolke Fruchtfliegen schwebt, kriege ich hin.“
Ich bin Realistin. „Liebe Zahnseide, was sagst du nun?“ „Sprich mir nach: Meine Ziele und Träume sind immer erreichbar!“ „Meinst du das ernst?!? Was wäre, wenn es auch funktionierte bei Reichsbürgern und Putin?!? Willst du, dass Heinrich XIII. Prinz Reuß Regent von Deutschland und die Ukraine ausradiert wird? Liebe Zahnseide, bleib Optimistin was die Mundhygiene angeht, aber die Glaubenshygiene überlass anderen!“
Christinnen und Christen haben da einen Tipp: Lies nach bei Paulus! Paulus, der Nachdenker und Vordenker der ersten christlichen Gemeinden schreibt: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Sich ehrlich machen – ja, Ehrlichkeit ist ein Prozess. Das macht Paulus hier. Ehrlich zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zu Gott. In diesem Realismus steckt mehr Optimismus als in den Beschwörungsformeln der Zahnseide und anderer, die nur an sich selbst glauben. Deshalb bringt mein Mann den Biomüll raus und kümmert sich um die Steuererklärung. „Liebe Zahnseide, bitte lächeln!“
Pastorin Anne Wöckener-Gerber, Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde Itzehoe

