Reminiscere – Gedenke

Pastor Jörg Heinrich

Nein, das ist kein weiterer wohlmeinender oder strenger Ratschlag mit erhobenem Zeigefinger. Auch Ratschläge können Schläge sein.

Mit diesem Wort beginnt der Psalm, der an diesem zweiten Sonntag der Passionszeit in den Gottesdiensten gebetet wird. Kein Mensch wird aufgefordert, sich zu erinnern, sondern Gott.

Sind wir etwa von Gott und allen guten Geistern verlassen? „Gedenke, Ewiger, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“ (Ps.25,6) Was genau den Psalmbeter vor über 2000 Jahren auf diesen Gedanken gebracht und zu diesem Stoßgebet veranlasst hat, wissen wir heute nicht mehr. Was uns heute dazu bringen könnte allerdings – das wissen wir schon: In dieser Woche sind es vier Jahre, seit die russische Armee die Ukraine überfiel, nur einer von so vielen Kriegen – nimmt das denn nie ein Ende? Und was ist mit dem Baum im Nachbargarten, der im Sommer Schatten und im Herbst Laub auf meine Terrasse wirft? Kann nicht einfach Frieden sein?! Aber wie dahin kommen?

Mit Macht geht das offensichtlich nicht. Wenn Menschen Macht ausüben, macht das alles oft schlimmer. Und wenn sie dabei behaupten, das im Namen Gottes zu tun, dann hat der Teufel seine Hand im Spiel…

Innehalten, Gedenken – das wäre ein erster Schritt. Christus, so erzählt die Bibel, hat weder gefragt, wer Schuld hat noch mit Macht für Ruhe gesorgt; er hat gefragt, wer Hilfe braucht und was gut tut zum Leben.

„MitGefühl – 7 Wochen ohne Härte“ ist in diesem Jahr das Motto der evangelischen Kirche für die Fastenzeit. Vielleicht kann das ein Schritt zum Frieden sein – und zur Erinnerung, dass wir eben nicht verlassen sind.

Jörg Heinrich, Pastor in der Ev.-Luth. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Itzehoe

Veröffentlicht am Fr. 27.02.2026