Quasimodo oder das reine Herz

Raphael Steenbuck, Pastor in der Kirchengemeinde Barmstedt

„Da hat Quasimodo wohl kein zu Hause mehr! Naja, die Türme stehen ja noch, also hat er doch noch seinen Platz!“

Nachdem vor zwei Wochen der Großbrand der Kathedrale von Notre Dame in Paris die Weltöffentlichkeit erschütterte hörte ich in Gesprächen auch mal wieder den Namen Quasimodos, des Glöckners von Notre Dame, dieses tragischen Charakters aus dem gesellschaftskritischen Roman von Victor Hugo. Der bucklige und als hässlich und verunstaltet beschriebene Quasimodo lebt in den Türmen der Kirche. Seine einzige Freude ist der Ton der Glocken über Paris, die er zum Klingen bringt. So darf er die Menschen zur Messe rufen, fühlt sich gebraucht und geehrt.  Tragisch ist dann seine Geschichte und tragisch sein Ende. Dabei ist sein Name doch ganz anders: Quasimodo wurde er genannt, da er am gleichnamigen ersten Sonntag nach Ostern auf der Schwelle der Kirche gefunden wurde. Sein Name ist ein lateinisches Zitat aus dem 1. Petrusbrief: „Wie die Neugeborenen“ bedeutet er übersetzt.  So dürfen wir Christinnen und Christen uns fühlen: Wie neu geboren, unbelastet, frei, beschützt. Und so sollen wir dann auch leben dürfen.

Früher war dieser „weiße Sonntag“ der Abschluss der Osterwoche, einer Rüstzeit für die neu Getauften. Die trugen die ganze Woche lang weiße Kleider, feierten jeden Tag Gottesdienst, bekamen Taufunterricht und lernten christliches Leben kennen. Am Sonntag Quasimodogeniti legten sie ihre weißen Kleider ab und kehrten in den Alltag zurück.

Und der ist natürlich nicht immer himmlisch. Ich glaube, die meisten von uns werden sich wohl nicht jeden Tag wie neugeboren fühlen. So wie der Roman über den Glöckner von Notre Dame erzählt, ist unsere Welt immer wieder anstrengend und verworren, von Eitelkeiten, Macht und Vorurteilen getrieben.

Quasimodo, der ein reines Herz hat, ja ein ganz kindlicher Charakter ist, scheitert an dieser Welt. Er begreift sie nicht und er wird nicht als der Mensch gesehen der er ist, sondern als buckliges Monster.

Wie sieht es mit uns aus? Kann das Kind in uns lebendig bleiben? Schaffen wir es, wie neugeboren in jeden Tag zu gehen? Oder zählt doch nur unser äußeres, wie auch immer das gestaltet sein mag?

Wir müssen uns ja behaupten in dieser Welt der Konkurrenz und der Machtspielchen. Und natürlich haben wir alle auch unsere Vorurteile und Zwänge.

Als Notre Dame abbrannte waren viele Menschen geschockt. Sicher auch aus Nationalstolz. Aber ich glaube auch weil sie gemerkt haben, dass diese Welt Orte wie diese Kirche braucht.

In deren Türmen Platz ist für das Reine in unseren Seelen. Und wo das hässliche und ungestaltete an uns auch sein darf. Da, wo eine Seele weit oben über dem Lärm und der Enge der Stadt und des menschlichen Treibens in die Ferne schauen kann. Da, von wo aus die Glocken nicht aufhören, die Menschen an Gott zu erinnern. An Gottes Liebe. An seinen Blick, der uns sieht wie wir wirklich sind. An den, der uns frei macht, dass wir jeden Morgen wie neugeboren in den Tag starten können.

Veröffentlicht am Sa. 27.04.2019