Doch auch Kritik wurde laut: Weshalb gibt es in hier einen solchen Aufschrei? Bei einem alten Gebäude! Da sind doch nur Steine! Hätte man nicht, all die Aufmerksamkeit und die Spenden den Hungernden dieser Welt zukommen lassen sollen?
In ihren Grundsätzen wurde die Debatte schon einmal geführt, nämlich in der Bibel: Kurz vor seinem Tod trifft Jesus in Bethanien mit seinen Jüngern eine reiche Frau. Sie zerbricht eine Flasche kostenbarsten Öl über seinem Kopf und salbt ihn. Die Jünger werden wütend: Welche Verschwendung! Sie hätte das Öl verkaufen und das Geld den Armen geben sollen. Zu ihrem Erstaunen stellt Jesus sich in diesem Moment auf die Seite der Frau. Was sie tat war richtig! Sie hat mich für die Beerdigung gesalbt. Die Armen habt ihr alle Zeit bei Euch und könnt ihnen Gutes tun, mich aber habt ihr nicht allezeit. Vergesst ihre Tat nicht, erzählt sie als frohe Botschaft weiter!
Jesus stellt sich auf die Seite der verschwenderischen spontanen Liebe und distanziert sich von einem verurteilenden Moralismus. Denn: Wie kann man für das Leben eintreten – und auch für das Leben von anderen –, wenn man Liebe, Hingabe und Lebendigkeit zum Problem erklärt?
Und Notre Dame? Die Kathedrale ist ein kunsthistorisch bedeutsamer Touristenmagnet, Nationalsymbol und vieles mehr, aber eben immer noch und vor allem eine Kirche! Kirchen sind Symbole der Hoffnung – dass das Leben stärker ist als der Tod! Aus diesem Grund ist es so schmerzhaft eine Kirche brennen zu sehen. Das geht nicht nur Christinnen und Christen so, sondern auch Menschen, die der Einrichtung längst den Rücken zugekehrt haben. Eine Welt ohne Notre Dame, ohne Gotteshäuser – und genauso Theater, Museen, Konzerthäuser - in denen es um nichts und doch um alles geht, die Kosten verursachen und deren Wert doch mit Geld nicht aufzuwiegen sind, wäre an Menschlichkeit ärmer.
Ich freue mich, dass sie wieder aufgebaut wird und wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest!
Birgit Dušková, Pastorin für Flüchtlingsarbeit

