Liebe Lesende,
Können Sie sich vorstellen, dass eine Wohngemeinschaft von drei Boomern mit dem Lebensstil der ´68 im gleichen Mietshaus harmonisch in Nachbarschaft lebt mit einer Gemeinschaft von drei jungen, auf Ruhe und Sauberkeit fixierten, strebsamen, fast fertigen Akademikern? Vermutlich unvorstellbar.
Gestern sahen mein Mann und ich in Hamburg ein Theaterstück, was genau diesen Konflikt super einfallsreich und witzig auf die Bühne brachte: Beide Mietparteien pflegten penetrant ihre Vorurteile. Während die Althippies gerne Wein trinken, laut feiern und die jungen Nachbarn allzu gern dabei hätten, lehnten die Examenskandidaten den Kontakt ab. „Wir haben für Sie keine Kapazitäten frei“, mit diesem Satz wurden die Boomer an der Tür abgewiesen. Und jede der beiden Gruppen hielt vernagelt fest am eigenen Lebensstil. Jede Gruppe blickte auf die andere runter, war aber auch selbst nicht glücklich und zufrieden. Die Situation kippte, denn wie das wahre Leben so spielt: Die Erkenntnis setzt sich durch: Wir brauchen einander mit unseren unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Begabungen.
Das ersehnte Glück geschieht, wo gemeinsam Angst und Leid angegangen wird. Das Leben nimmt wieder Fahrt auf, wo festgefahrene Denkmuster durch die Nähe zueinander überwunden werden. Das geschah dort auf der Bühne mit viel Humor und Unerwartetem. Die Erkenntnis wuchs: So unterschiedliche Sehnsüchte haben wir ja gar nicht: Wir wollen das Leid so klein halten wir möglich und die Freude stattdessen im Leben mehren. Mit großen Schritten gehen wir in unseren Gemeinden zu auf das Erinnerungsfest der Menschwerdung Gottes. Für mich ist Gott auch wie das Kippen festgefahrener Situationen hin zu offenen, lebensbejahenden Perspektiven.
Ihre Sylvia Zwierlein, Pastorin in Kollmar-Neuendorf

