Vikar Simeon Schildt, St. Nikolai Elmshorn
5 : 7 Querformat

Hörst du mich?

Vikar Simeon Schildt, St. Nikolai Elmshorn

Immer wieder spielen sich in deutschen Homeoffices Szenen ab, die Menschen in den Wahnsinn treiben können. Die Rede ist von den vielen Videokonferenzen, die in Zeiten von Social Distancing die Weiterarbeit in den Firmen ermöglichen sollen.

Statt des üblichen morgendlichen Meetings im Konferenzraum trifft man sich nun digital vor dem heimischen Laptop und erhascht Blicke in die Büros der Kolleginnen und Kollegen.

Der Chef lädt zum Meeting ein, ist aber mit der Koordination überfordert, Kollegin X kommt zu spät, weil der Computer zu langsam hochgefahren ist, Kollege Y kann aufgrund der mangelnden digitalen Infrastruktur keine Verbindung herstellen, das Bild wackelt und der Ton bricht ab. Und immer wieder der verzweifelte Ruf: „Hörst du mich? Jetzt vielleicht? Oder jetzt?“ Da sehnen wir uns doch nach dem persönlichen Kontakt, face to face und nicht durch eine Kamera oder ein Mikrofon. Die Kontaktaufnahme gestaltet sich schwierig.

Im Gebet zu Gott ist es auch nicht viel leichter als in einer dieser Konferenzen. Auch hier kann sich das Gefühl einstellen, dass das Medium mangelhaft ist. Wie ein unzuverlässiges Mikrofon an einem altersschwachen Laptop. Steht die Verbindung? Wer stellt sie eigentlich her? Womöglich hat mein Gegenüber das Meeting bereits verlassen. Auch im Gebet möchte man zuweilen rufen: „Hörst du mich? Weißt du was ich brauche?“

Im Matthäusevangelium heißt es: „Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ Die Verbindung steht also, noch bevor wir den Laptop hochfahren. Selbst wenn ich denke, dass das Medium nicht mehr up to date ist, gilt weiterhin die Zusage, dass die Nachricht ankommt. Es braucht nicht die Nachfrage: „Hörst du mich? Jetzt vielleicht? Oder Jetzt?“ Und es braucht manchmal auch nicht der großen Worte. Ein kleines „Danke“, wenn etwas gut gegangen ist. Ein kurzes Stoßgebet vor der Prüfung oder dem Vorstellungsgespräch. Und auch Sprachlosigkeit und Schweigen kann Gebet sein.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

Ihr Simeon Schildt, Vikar an St. Nikolai, Elmshorn

Veröffentlicht am Do 14.05.2020