Vor ein paar Wochen war ich mit meinem eineinhalbjährigen Sohn eine Nacht im Krankenhaus in Pinneberg. Lungenentzündung. Ich werde es nicht vergessen, sein schnelles und angestrengtes Atmen, sein zittern unter dem Fieber. Sorge und Angst wie ich sie nie vorher gekannt hatte bewegten mich. Ich fühlte mich selbst ganz krank. Ich lag die ganze Nacht neben ihm im Krankenbett, achtete auf jedes Husten, jede Bewegung. Und betete. Wie gut, dachte ich, dass es das gibt: Ärzte, die sich in dieser Situation auskennen, Medikamente, die helfen, Krankenhäuser, die die verschiedenen Behandlungsmethoden vorhalten.
Und unser Sohn wurde schnell wieder gesund. Wenn ich an diese schreckliche Nacht zurückdenke bleibt mir aber eines besonders im Gedächtnis: Die liebevolle Fürsorge der Krankenschwestern. Sie verrichteten nicht nur die medizinischen Arbeiten an meinem Sohn mit äußerster Behutsamkeit. Sie scherzten auch mit ihm, brachten ihn zum Lachen, sprachen sanft und fröhlich und ruhig.
Das Antibiotikum wirkte so schnell, dass wir am nächsten Tag schon das Krankenhaus verlassen konnten. Sicherlich war es diese Medizin, die ihn körperlich so schnell hat gesunden lassen. Aber ich bin mir sicher, dass auch der liebevolle Dienst der Krankenschwestern dazu beigetragen hat. Zumindest für mich waren die Krankenschwestern wie Balsam für meine Seele in Nöten. Allein das Gefühl, ich muss nur den Knopf dort drücken. Und da draußen ist jemand, der kommt und hilft. In meinen Sorgen um mein Kind waren die Schwestern wie so ein paar Engelchen, die ruhig und mit stiller Autorität mir das Gefühl gaben: Alles wird gut. Ihr seid hier in Sicherheit. Keine Angst.
An diesem Sonntag drehen sich die Bibeltexte um das Thema Heilung. Und das geht uns alle etwas an. Denn wer ist schon ganz gesund? Wer braucht nicht Heilung? Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit so: Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.
Gesundheit ist also nicht nur eine Angelegenheit von Antibiotika und ärztlichem Fachwissen. Es geht um ein ganzheitliches heil sein. Sorgen, Stress, Süchte, soziale Ausgrenzung oder sozialer Druck, Streit und Zwietracht, Neid, Übermaß und Gier, Machthunger. All diese Dinge und noch viel mehr machen uns krank. Viele dieser Dinge kann kein Krankenhaus heilen, kein Arzt.
Gott heilt. Das ist die deutsche Übersetzung meines Namens: Raphael. Und ich glaube fest daran, dass Gott das tut. Heilung bringen und zwar ganzheitlich. Die Bibel berichtet wie Jesus geheilt hat. Er wandte sich den Menschen zu, nahm Kontakt auf, sprach zu ihnen berührte sie. Er betete dazu, suchte Kontakt zu Gott. In den Berichten werden die Menschen gesund von ihren körperlichen oder seelischen Krankheiten. Das bedeutete aber weit mehr. Sie können danach nämlich auch wieder in ihre sozialen Bezüge zurückkehren. Sie konnten das Krankenlage zurücklassen und wieder für sich sorgen, arbeiten gehen, Menschen treffen. Man muss bedenken: Kranke wurden damals häufig ausgestoßen. Man glaubte, Krankheit sei eine Folge von Sünde. Und die Menschen hatten auch einfach Angst, sich anzustecken.
Mal ehrlich, heute ist das nicht viel besser geworden. Immer wieder berichten mir Kranke bei meinen Besuchen, dass immer weniger Freunde zu Besuch kommen, dass die sozialen Kontakte immer weniger werden. Und auch auf andere Art kann man ausgestoßen werden, gemieden werden als wäre man ansteckend: Durch Mobbing in der Schule. Oder weil man eine andere Hautfarbe hat oder schwul ist oder einfach ein Nerd. Oder man stellt sich selbst ins Abseits: Weil man kein großes Selbstbewusstsein hat, weil man sich nicht traut. Oder weil man im Streit ist mit anderen, sich darin einmauert.
Heilung hat also nicht nur etwas mit Antibiotika und Krankenhaus zu tun. Heilung ist ein ganzheitliches, medizinisches, seelisches und soziales Thema. Und Heilung ist so nötig in so vielen Bereichen unseres Lebens. So viele Ärzte, Psychologen, Therapeuten und Sozialarbeiter finden wir nie und nimmer. Also stellt sich die Frage: Was können wir tun.
Wir sind vielleicht nicht ausgebildet als Mediziner oder Psychologen. Aber wir sind Menschen und können Heilige sein. Wenn wir uns an Jesus orientieren: Er wandte sich den Menschen zu. Er nahm sich Zeit. Er nahm die Menschen ernst. Er betete für sie.
All diese Dinge können wir auch. Da sein für andere. Auch die sehen, die sonst keiner sieht. Die mit in den Kreis nehmen, die ausgestoßen sind. Streit schlichten. Kranke besuchen. Andersartigkeit schätzen. Und nicht zuletzt: beten.
Was mein Name Raphael sagt, ist für mich persönliche Berufung geworden: Gott heilt. Wenn wir den Raum dafür eröffnen. Ich hab keine medizinische Ausbildung, bin kein Arzt. Aber die ganz menschliche Seelsorge, die ich betreibe hat schon so häufig zu Heilung geführt.
Herzliche Grüße und gute Gesundheit wünscht euch
Raphael Steenbuck, Pastor in Barmstedt

