Mir ist ein beispielhaftes Foto vor Augen. Es könnte uns auf die Spur des Kreuzes und der Liebe Gottes bringen. Im Kreuzgang eines Doms nistet ein großer Uhu. In einer nahen Zeder hat sich eine Elster ihr Nest gebaut. Beide Greif- und Raubvögel sind sich spinnefeind. Fressfeinde. Die Elster hätte keine Chance, wenn der Uhu zuschlägt. Aber sie wagt sich weit hinaus. Sie nähert sich und zupft ihn am Gefieder. Warum macht sie das? Riskiert ihr Leben?
Das Foto zeigt beide am Kreuz. Die Biologen halten es für unmöglich. Die Denkmalschützer für ungut – der Dreck. Manch Frommer findet das Kreuz zweckentfremdet. Besucher haben ein Naturschauspiel. Was da über Jesus alles möglich ist?! Ein Stück friedlicher Koexistenz. Feinde nähern sich an und probieren aus, ob sie nebeneinander sein können. Am Kreuz wird deutlich, dass Gott uns seine Liebe erweist. (Röm.5,8)
Auch Menschen sind sich spinnefeind, Fressfeinde, Revierrivalen, zerstritten, einander keinen Raum gebend, Berührung undenkbar – solange wir in Sünde leben. Getrennt durch Abgründe, Taten und Charakter. Aber über dem Kreuz entsteht etwas Anderes: das Gesetz der Liebe, das Annäherungen anstößt und ermöglicht. Gott ist barmherzig. Wir können es auch sein miteinander.
Versöhnung ist immer ein langer Weg mit vorsichtigen Annäherungen. Das wird nach der Pandemie auch so sein. Mich erinnert diese Tierfreundschaft an die Freiheit, die Gott uns geschenkt hat, weil er uns auch als Feinde sehr ernst genommen hat. Grad da hat er Liebe geschenkt.
Ihre Pastorin Otto-Kempermann aus Hohenlockstedt

