Fahrstuhl zur Hölle

Pastorin Anne Wöckener-Gerber, Ev.-Luth. Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde Itzehoe

Er mengte die Sahneschicht unter den Schokoladenpudding, nahm das Glasschälchen in die Hand und rührte mit schnellen, leichten Bewegungen in die andere Richtung.

Mit einem Lächeln schob er sich einen Löffel der graubrauen Masse in den Mund. „Bisschen flüssig“, kommentierte seine Frau, die ihm gegenübersaß, und zog dabei die Mundwinkel nach unten. Da schienen sie sich ohnehin am wohlsten zu fühlen.

Er aß seine Portion schweigend auf. Das zweite Schälchen, das er vom Buffet mitgebracht hatte, ließ er unberührt.

Sie stand auf, zog sich eine dünne Strickjacke über ihr geblümtes T-Shirt und nickte knapp den Gästen am Nachbartisch zu. Er bahnte sich traumwandlerisch sicher den Weg durch den vollen Speisesaal.

Sie folgte ihm und zupfte im Gehen einen Fussel von seiner dunkelblauen Fleecejacke.

Er drückte auf die Taste, um einen Fahrstuhl zu rufen. Die Anzeige über den beiden Türen zeigte an, dass sie sich auf dem Weg nach oben befanden. „Na, das kann ja noch dauern“, sagte er. Sie zuckte mit den Schultern.

„Weißt du was?“, wendete er sich an sie. Sie drehte sich zu ihm. „Ich hätte gerne, wenn ein Fahrstuhl nur für Leute reserviert wäre, die während der Fahrt schweigen und auf ihre Schuhspitzen gucken.“ Sie guckte hoch zur Anzeige.

Die Tür des Fahrstuhls ging auf. Ein Mann im Rollstuhl, nur mit einer quietschgrünen Badehose bekleidet, AirPods in den Ohren, sang laut mit: „I’m on the highway to hell, on the highway to hell“.

 

Pastorin Anne Wöckener-Gerber, Ev.-Luth. Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde Itzehoe

Veröffentlicht am Fr. 20.10.2023