Die Abschaffung des Buß- und Bettages als gesetzlicher Feiertag 1995 zugunsten der Finanzierung der Pflegeversicherung hat sicher auch dazu beigetragen, dass dieser Feiertag kaum noch im Bewusstsein ist. Zudem weckt schon der Name “Buß- und Bettag“ mit den damit verbundenen Gedanken an Sünde, Reue, Schuldbekenntnis und Umkehr Gefühle von moralischem Druck, kirchlicher Bevormundung und moralistischer Verkrampfung. Doch bedenken wir auch: Die Fähigkeit, eigenes Versagen und eigene Verfehlungen wahrzunehmen und anzuerkennen und sich ihnen zu stellen, Einsicht zu zeigen, und das Bemühen, neue Wege zu gehen, die dem Leben – dem eigenen Leben und dem Leben anderer – dienen, das ist etwas, was uns als Menschen auszeichnet; es gehört zur Würde des Menschen.
Das Wahrnehmen und Aussprechen von Versagen und Schuld war ein Thema der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Würzburg in dieser Woche: Die Schuld der Kirche angesichts der Missbrauchsfälle in der evangelischen Kirche. Beschämend und deprimierend ist es und ein Verrat am biblischen Liebesgebot, dass innerhalb der Kirche schutzbedürftigen Kindern und Jugendlichen sexualisierte Gewalt widerfahren ist, die ihr Leben zutiefst verstört hat. Dass dies möglich war, dass viele weggesehen haben oder schlimme Vorfälle kleingeredet haben, ist ein Versagen der Kirche – ein Anlass zur Buße. Dass dies nun gründlich aufgearbeitet werden soll und Wege gesucht werden, Missbrauch in Zukunft zu vermeiden, ist ein erster, notwendiger Schritt. Zu hoffen ist, dass vor allem die Betroffenen selbst mit ihren erlittenen Verletzungen gehört und ernst genommen werden. Viele von ihnen haben immer noch das Gefühl, dass mehr über sie als mit ihnen geredet wird.
Auch auf der Synode in Würzburg kam kein Vertreter der Betroffenen zu Wort.
Ihrer Verbitterung, ihrem Zorn muss sich die Kirche stellen und ihn aushalten und Wege suchen, ihnen wenigstens ein Stück weit gerecht zu werden.
