Vor zwei Jahren hat die russische Armee die Ukraine überfallen. Ich erinnere die ersten Bilder von Massengräbern, brennenden Häusern und Menschen in U-Bahnschächten. Zur gleichen Zeit war ich im Urlaub: Kinder spielten lachend am Strand, das Wasser war türkisblau und das Essen hervorragend.
Als die Hamas Israel überfiel und brutal Menschen tötete, war ich bei einem heiteren Gemeindefest.
Und als 2001 zwei Flugzeuge ins World Trade Center flogen, schrieb ich an der Uni gerade eine Prüfung, die mich echt geschlaucht hatte.
Leben ist von der Gleichzeitigkeit verschiedenster Ereignisse geprägt. Mit der Zeit verblassen Bilder und Nachrichten und anderes rückt in den Vordergrund. Schönes und Schlimmes geschehen jedoch immer und überall und manchmal liegt dazwischen nur die Wand zum Nachbarn oder der Blick in die Augen meines Gegenübers.
Kann ich den Urlaub genießen, wenn es woanders Krieg gibt? Zählt mein Kummer über die Arbeit, wenn ein Freund mit Krebs kämpft? Wie kann ich Gott für das Essen danken, wenn andere hungern?
Mein christlicher Glaube schafft da einen Raum für die Gleichzeitigkeit des Ungleichen. Im Gebet halte ich den Fluss der Zeit für einen Moment an und weite meinen Blick. Ich muss nichts schönreden und auch nichts schlechtmachen. Ich halte Gott alles hin: die Freude über den Schokopudding, das Entsetzen angesichts menschlichen Leids und das Weinen mit dem erkrankten Freund.
So lerne ich das Tragen des Gleichzeitigen und suche meinen Weg, um das zu tun, was mir bei allem gegeben ist. Nicht mehr und nicht weniger.
Achtsame Tage wünscht Ihnen
Ihr Propst Steffen Paar aus Itzehoe

