Demut ist eine uralte Tugend, die man vielleicht erst nach langer Zeit wirklich versteht. Sie scheint selbstverständlich zum Glauben zu gehören, doch das Wort hat bei mir lange Unbehagen ausgelöst. In meinem Kopf lag Demut direkt neben "gedemütigt werden", etwas durchweg Negatives. Meine eher laute, fröhliche und emotionale Art hat dazu geführt, dass man mir auch mal geraten hat, mehr Demut zu lernen, besonders als Pastorin. Und auch mein langes Studium hat mir nicht geholfen, Demut wirklich zu verstehen. Lange habe ich also dieses Unbehagen mit mir herumgetragen.
Eines Tages sprach ich mit einer befreundeten Nonne darüber. Wer sollte es besser wissen als sie? Ich erklärte ihr, dass ich vielleicht einfach demütiger werden müsste. Sie sah mich nur an und sagte: "Was hast du für ein seltsames Bild von Demut? Es bedeutet nicht, sich selbst kleinzumachen oder weniger wertvoll zu fühlen. Wir Franziskanerinnen sagen: Demut ist der Mut zum Dienen.“
Der Mut, etwas anderes als sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Der Mut, göttliche Liebe laut in die Welt zu tragen, egal was passiert. Andere zu lieben, in allen Zeiten und bei jedem Gegenwind. Seine Errungenschaften nicht an Besitztümern und Preisen zu messen, sondern an das Gute, was man in die Welt schickt.
So wünsche ich Ihnen allen etwas Mut zum Dienen und eine Welt, die mehr Gemeinschaft und Liebe als Egoismus kennt.
Giulia Aman, Pastorin in Münsterdorf

