Brandenburg

Pastorin Birgit Dušková, Flüchtlingsbeauftragte des Kirchenkreises und Pastorin in Glückstadt

Klaus steuert sein Auto über die Schlaglöcher der Schotterpiste.

Mitten im Nirgendwo der Mark Brandenburg besitzt er einen Hof auf dem ich meinen Urlaub verbringe. „Da wohnt Ibrahim!“ sagt Klaus und zeigt auf einen stark verfallenden Hof zu unserer Rechten. Und Klaus erzählt mir die Geschichte von Ibrahim. Ibrahim war direkt aus dem libanesischen Bürgerkrieg nach Brandenburg gekommen und hatte den alten Hof, den er bis heute bewohnte, damals in der Nachwendezeit für 'n Appel und 'n Ei erstanden. Nach dem Einzug müssen wohl recht schnell die Dämonen des Bürgerkrieges, die Ibrahim bis hier nach Brandenburg gefolgt waren, das Regiment über Ibrahims Seele übernommen haben. Der Hof verfiel immer mehr und schließlich lebte in diesem ohne Wasser und Strom. „Wasser trinkt er aus der Regenrinne. Das lässt er durch so einen bräunlichen Filter laufen.“ und „Reinregnen tut es da gottseidank nicht! Das liegt wahrscheinlich an der getrockneten Waschbärenscheiße auf dem Dachboden.“ so Klaus. Die Bauern aus der Gegend versorgen Ibrahim mit Milch und Gemüse. Als er einmal krank wurde, brachten sie ihm sogar dieses ins Krankenhaus, weil er das Essen dort nicht vertrug. Die Bemühungen der Mitarbeiter der Kommune, das Leben von Ibrahim in geordnete Bahnen zu lenken liefen hingegen ins Leere. Das Auto ruckelt und das Wasser der Pfützen schlägt hoch und Klaus konzentriert sich auf die Straße.

Auf einer Wanderung komme ich später noch einmal an dem Hof vorbei: durch eines der zerbrochenen Fenster meine ich eine menschliche Gestalt zu sehen, die auf eigenartige Weise vor sich hin wippt. Vor der Tür steht ein weißer Plastiktisch, auf diesem Gemüse und eine Milchkanne. Ich denke bei mir: die Menschen hätten in dieser Abgeschiedenheit diesen unheimlichen Fremden auch einfach verschwinden lassen können und es wäre vermutlich niemandem aufgefallen. Das taten sie nicht, sondern halten ihn stattdessen am Leben. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ dieses Jesuswort kommt mir in den Sinn.

Pastorin Birgit Dušková, Flüchtlingsbeauftragte des Kirchenkreises und Pastorin in Glückstadt

Veröffentlicht am Do 08.09.2022