In vielen Katastrophen geht es nicht so glimpflich aus. In ärmeren Gegenden gibt es bei Stürmen und Überschwemmungen Tausende von Todesopfern, weil das Geld zum Deichbau fehlt. Wenn umgekehrt große und lang anhaltende Dürren das Land unfruchtbar machen, sterben wiederum unzählige Menschen an Hunger. Überlebende suchen dann anderswo ihr Glück. Die meisten bleiben in Afrika, einige wenige aber versuchen, in ein Land zu kommen, in dem täglich Tonnen von Lebensmitteln weggeworfen werden. „Wirtschaftsflüchtlinge“ werden diese Menschen abschätzend genannt.
Wer aber seine Heimat aufgrund von Hunger verlässt, flieht ebenso vor dem Tod wie die, die vor einem Bürgerkrieg flüchten. Dürfen wir da moralisch unterscheiden, obwohl wir noch nie mit einem solchen Menschen gesprochen haben? Obwohl wir also gar nicht wissen, was diesen Menschen zur Flucht veranlasst hat? Weil viele von uns Angst vor dem Fremden haben, will Europa seine Grenzen schon im Mittelmeer schließen. Das aber scheint den Flüchtlingsstrom nicht zu stoppen. Wie verzweifelt müssen die Menschen sein, dass sie immer wieder absurde Summen für eine Überfahrt in einem überfüllten Gummiboot ohne Schwimmwesten wagen! Und wie herzlos sind wir Europäer, wenn wir ihren Tod billigend in Kauf nehmen!
Das Bibelwort, das in der kommenden Woche der sog. Wochenspruch ist, lautet: „Heute, wenn ihr Jesu Stimme hören werdet, verstockt eure Herzen nicht!“ Und Jesus sagt uns in der Bergpredigt: „Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt!“ Menschen in Seenot müssen gerettet werden, da darf es keine zwei Meinungen geben. Und Menschen auf der Flucht sind keine Gegenstände, die man achtlos liegen lassen kann. Sie sind Menschen, die Hilfe brauchen. Dass auch hierzulande Menschen Hilfe brauchen, darf kein Grund sein, die Herzen zu verstocken und Hilfe zu verwehren. Vielmehr haben wir als eine Gesellschaft, die in Wohlstand, Frieden und Freiheit lebt, die gemeinsame Verantwortung dafür, dass andere daran Anteil erhalten können. Schließlich sind wir gerade wieder einmal mit dem Schrecken davon gekommen! Sollte uns das nicht zu denken geben?
Antje Stümke, Pastorin der Kirchengemeinde Barmstedt

