Mücken lieben lernen

Pastorin Antje Stümke, Kirchengemeinde Barmstedt

Neulich hat meine Tochter in unserem Garten eine Biene entdeckt. Sie konnte es kaum glauben: Keine Honigbiene, sondern eine echte Wildbiene!

In der Schule hatte sie ein Referat über das Bienensterben gehalten, und nun hat sie uns voller Freude gerufen, weil wir das kleine Tierchen bestaunen sollten. Auch bei mir selbst bemerke ich in diesem Sommer eine neue Gelassenheit den Insekten gegenüber. Früher habe ich mich über Mückenstiche geärgert, Fliegen tot geklatscht und Wespen verscheucht. Zwar gehören solche Tiere noch immer nicht zu meinen Lieblingen, aber das weltweite Artensterben hat mich gelehrt, dass sie einen wichtigen Platz auf unserer Erde haben, weil sie durch die Bestäubung für unser Überleben sorgen.

In einem bekannten Lied heißt es in der zweiten Strophe: „Weißt du, wieviel Mücklein spielen in der heißen Sonnenglut?“ Und weiter: „Gott, der Herr, rief sie mit Namen, dass sie all ins Leben kamen, dass sie nun so fröhlich sind.“ Da wird den ungeliebten Mücken derselbe Rang gegeben wie den „Sternlein am blauen Himmelszelt“ in der ersten Strophe. Das Lied geht schlicht davon aus, dass Gott die Welt in seiner Schöpfung weise geordnet hat, dass alles seinen Platz, seine Notwendigkeit und seine Schönheit hat. Im Makrokosmos und im Mikrokosmos, im fernen Weltraum mit seinen unendlichen Galaxien und in meinem Garten mit allem, was da kreucht und fleucht.

In unseren Tagen hören wir, wie wichtig es sei, die Biodiversität zu erhalten und Achtsamkeit im Umgang mit der Natur neu zu erlernen. Im Lied finden wir denselben Gedanken: Wenn Gott selbst die Mücken beim Namen ruft, können doch auch wir lernen, sie zu lieben. Nicht nur, weil sie den Vögeln Nahrung bieten, sondern weil es wirklich schön aussieht, wenn sie an einem See in der Abendsonne tanzen. Im biblischen Schöpfungsbericht heißt es darum am Ende, als auch der Mensch seinen Platz gefunden hat: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“

Ihre Pastorin Antje Stümke

 

Veröffentlicht am Fr 06.09.2019