Nie wieder!

Birgit Dušková, Pastorin für Flüchtlingsarbeit

Als Jugendliche fuhr ich mit einer Pfadfindergruppe zum Wandern nach Schweden. Da die einen besser zu Fuß waren und die anderen langsamer, kam nach einer Weile die Idee auf, die Gruppe zu teilen.

Einige der Jungen wollten alleine losziehen, mehr in die Wildnis hinein in ihrem eigenen schnelleren Tempo. Sie wurden „die Starken“ genannt.  Als Mädchen war ich in der Gruppe „der Schwächeren“ darunter auch Kinder mit Handicap. Nach einer Woche sollten die Gruppen sich wieder treffen. Wir, die größere Gruppe , hatten eine wunderschöne Woche in der Natur genossen. Wir hatten aufeinander geachtet und waren durch die positiven Erfahrungen zusammengewachsen. Als wir wieder auf die Gruppe „der Stärkeren“ trafen, merkten wir sofort, dass diese sich verändert hatten. Es herrschte unter ihnen ein roher, andere verächtlich machender Umgangston. Sie „kloppten“ sich ständig und dies nicht nur zum Spaß. Einen Jungen hatten sie zum „Schwächling“ erkoren auf dem hackten sie nun herum.  Etwas war geschehen in dieser Woche. Gott sei Dank konnten, wir, die größere Gruppe, den Jungen schnell begreiflich machen, dass sie sich so nicht mehr verhalten dürfen, da es nicht den Regeln der Pfadfinder entspricht. So fingen sie sich schnell und nahmen wieder die Gewohnheiten an, die sonst im Umgang unter uns galten. Ich habe später immer wieder an dieses Erlebnis denken müssen. Wie kann es passieren, dass in einer ganz normalen Gruppe von Menschen, scheinbar unumstößliche Regeln und Werte so schnell verloren gehen? Im Rückblick denke ich, dass neben vielen anderen Faktoren, die hier eine Rolle gespielt haben mögen, die Einteilung der Gruppe in „die Starken“ und „die Schwachen“ diese unheilvolle Dynamik in Gang setzte. Eine an sich harmlose Unterscheidung „gut zu Fuß“, weniger „gut zu Fuß“ wurde in der Sprache mit einer pauschalen Aufwertung der einen und Abwertung der anderen verbunden. Schon dieser sprachliche Ausdruck entsprach ja im Grunde nicht unseren Regeln. Doch keinem von uns war es aufgefallen. Die Sprache schuf dann eine Wirklichkeit, in der Umgang roh und abwertend wurde. Gut, dass wir damals  da herausgefunden haben und gut, dass es Regeln gab, die alle kannten und erinnerten.

Am Montag den 27. Januar ist der 75. Jahrestag der Befreiung von Ausschwitz. Was hier geschah, kann einem  die Sprache rauben. Noch heute versuchen wir zu verstehen, wie es dazukommen konnte. Wie konnten an und für sich ganz normale Bürgerinnen und Bürger zu Tätern werden? Einer der Gründe war die Einteilung von Menschen in Kategorien von „wertvoll“ und „nicht wertvoll“ und dies begann mit der Sprache.  Und diese bereitete die Taten vor. Und heute? Lasst uns an die Opfer erinnern und wachsam sein in der Gegenwart und auf unsere Sprache achten: rechtzeitig da widersprechen, wo auch heute wieder von „wir“ und „denen“ abwertend über Menschen gesprochen wird! Es gilt das „Nie wieder!“

Birgit Dušková, Pastorin für Flüchtlingsarbeit

 

Veröffentlicht am Sa 25.01.2020