Nicht im Namen Gottes!

Pastor Axel Scholz, Ev.-Luth. Friedenskirchengemeinde Elmshorn

Da steht er, der alte Mann mit der Bibel in der Hand vor der Kirche in Washington. Mit finsterer Mine hält er das Buch der Christenheit in die Kamera, nachdem er sich den Weg zur Kirche mit Tränengas hat freischießen lassen.

Vehemente Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten auf Befehl des US-Präsidenten — so zumindest berichtet es die Presse. Hat er in dem Buch gelesen, das er da hochhält? Und falls ja: Hat er denn niemanden, der ihm erklärt, was dort geschrieben steht? Doch vermutlich hat er diejenigen, die es hätten tun können, schon längst wieder gefeuert.

Politiker wie Donald Trump, die das Christentum instrumentalisieren, sind keine Seltenheit. Ihnen können und müssen Christen widersprechen. Ganz so, wie es Kirchenvertreter*innen nach dem 1. Juni getan haben. Schlimmer noch aber ist es, wenn Christen ihren Glauben einer Ideologie unterordnen. Dies gilt es angesichts der Mittäterschaft der Kirchen im Nationalsozialismus zu betonen, aber auch mit Blick auf die Rolle der weißen evangelikalen Christen um die Fernsehpredigerin Paula White im Wahlkampf von Donald Trump. Hier wäre aus christlicher Perspektive daran zu erinnern, dass der Messias nicht gewählt wird, sondern von Gott bereits gesandt wurde, und sein Name ist Jesus Christus.

Im Neuen Testament steht unmissverständlich: »Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person.« (Jak 2,1) Damit kann es Rassismus im Namen Gottes nicht geben, denn das eine schließt das andere aus. Bei den Berichten über die weltweiten Proteste gegen Rassismus kommen mir Worte aus dem Lied ›Jesus‹ von Bettina Wegner in den Sinn: »Jesus war Pole und Jude dazu. Jesus war ein Schwarzer und kam aus Peru. Jesus war Türke und Jesus war rot. Mensch Jesus, bleib oben, sonst schlagen die dich tot!«

Doch Vorsicht! »Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.« (Mt 7,1) Wer Donald J. Trump oder sonst jemandem seinen Glauben abspräche, triebe den Teufel mit Beelzebub aus. Es gilt mit demokratischen Mitteln für Gerechtigkeit einzutreten und leidenschaftlich um die Wahrheit zu ringen, dabei aber nie zu vergessen, dass Gott das letzte Wort behält. Vor seiner Wahrheit werde ich mich dereinst verantworten müssen — ich genauso wie jener alte Mann mit der Bibel in der Hand vor der Kirche in Washington.

Axel Scholz, Pastor der Friedenskirchengemeinde Elmshorn

Veröffentlicht am Fr 19.06.2020